Neue Dienstmädchen — Migrantische Carearbeiter*innen in Deutschland

Zu diesem Thema hat unser Mitglied (Basisgewerkschaft Gesundheit, Technik, Dienstleistung (GTD) der Lokalföderation FAU Münsterland) bereits Vorträge gehalten; in Münster (07.03.2018), in Hannover (22.06.2018, organisiert von der lokalen FAU-Gewerkschaft) und in Osnabrück (17.07.2018, von den Libertären Kommunist*innen organisiert). Es wurden bereits weitere Veranstaltungen zu diesem Thema geplant u.a. in Bielefeld. Genauere Info folgt bald. Wir (FAUD) haben diesen Artikel von der Hompepage der GTD übernommen.

Der demografische Wandel und unzureichende staatliche Leistungen gehören zu den Hauptursachen des „Pflegenotstands“. Daraus resultiert eine steigende Nachfrage nach Arbeitskräften im Care-Bereich. Die „Unattraktivität“ der Fürsorgearbeit liegt zum einen an der geringen Entlohnung, zum anderen am niedrigen Status der Pflegeberufe, die meistens als „Frauendomäne“ betrachtet und gesellschaftlich abgewertet werden.

Neue Dienstmädchen

Fürsorgearbeit, das heißt putzen, kochen, pflegen und betreuen, wird deshalb oft an migrantische Care-Arbeiter*innen delegiert. Dabei sind die meist aus Osteuropa stammenden Frauen oft irregulär beschäftigt, vor allem in der Pflege älterer Menschen, wo sie häufig sogar in den Haushalten mit den Arbeitgeber*innen als 24-Stunden-„Live-in“-Arbeitskräfte wohnen. Die grenzüberschreitende Pflegeversorgung in Deutschland ist kein neues Phänomen. Die migrantischen Care-Arbeiter*innen werden als neue Dienstmädchen bezeichnet.

„Die 24-Stunden-Polin“

Einen besonders guten Ruf in Deutschland scheinen polnische Pflegekräfte zu haben. Dies spiegelt sich in Titeln von Zeitungsartikeln wie „Die 24-Stunden Polin“ wieder, oder in Alltagsfloskeln wie „Die polnische Perle“. Somit werden die Migrant*innen aus Polen mit der unterbezahlten und gesellschaftlich nicht anerkannten Pflegetätigkeit konnotiert. Ihre dadurch unterprivilegierte Position als „billige Hilfskräfte“ macht ihre Lebens- und Arbeitslage prekär.

Die im Haushalt ihrer Arbeitgeber*innen lebenden und illegal arbeitenden Migrant*innen sind wochen- und monatelang, 24 Stunden am Tag mit den Haushalts- und Pflegetätigkeiten beschäftigt. Die permanente Orientierung an den Bedürfnissen der Klient*innen bedeutet wochen- und monatelang, 7 Tage die Woche ununterbrochene Arbeit, die an einen Raum – das Haus oder die Wohnung der Klient*innen – gebunden ist.

Prekäre Arbeitsbedingungen

Diese räumliche und zeitliche Einschränkung führt zu eingeschränkter sozialer Kommunikation und trägt neben fehlender Privatsphäre und Distanz in der Pflegebeziehung zur sozialen Isolation bei. Die monotone Alltagsroutine der sich immer wiederholenden Tätigkeiten, die zu bestimmten Uhrzeiten erledigt werden müssen, und die permanente Orientierung an den Bedürfnissen der Klient*innen ist körperlich, psychisch und emotional anstrengend. Der Charakter der Arbeit und die ständige Konzentration auf die Bedürfnisse der Klient*innen vertiefen das Gefühl der Einsamkeit.

Der einfühlsame und empathische Umgang mit den Klient*innen macht nicht nur den Kern der Arbeit aus, sondern kann zu (Selbst-)Ausbeutung und Abhängigkeit in der ausgeübten Tätigkeit führen, in manchen Fällen bis zum Burn-Out-Syndrom.

(Fehlende) Regelungen des Arbeitsverhältnisses

Dies geschieht vor allem, wenn die Gewährung grundlegender Arbeitsrechte, wie eine Regelung der Arbeitszeiten und Tätigkeit, Unfallversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Kündigungsschutz usw. fehlt. Bei einer pauschalen Bezahlung anhand nur mündlicher Absprachen bleiben weitere Vereinbarungen des Arbeitsverhältnisses ebenfalls ungeregelt. Um ihren Job fürchtend, versuchen die irregulären Pflegekräfte sehr selten bessere Arbeitsbedingungen auszuhandeln oder ihre Rechte einzufordern. Trotzdem haben die migrantischen Pflegekräfte Möglichkeiten, um ihrer prekären Lage entgegenzuwirken.

Selbstorganisierung

Eine wichtige Rolle dabei spielen informelle Netzwerke von Pfleger*innen, mithilfe derer die Selbstorganisation in der irregulären Pflege ermöglicht wird. Durch Kontakte innerhalb der Netzwerke wird die Arbeit organisiert und vermittelt. So können sich z.B. die Pfleger*innen aus einem Netzwerk alle paar Wochen oder Monate bei der Pflege eines Kunden/ einer Kundin abwechseln.

In diesen Netzwerken werden auch Informationen über unseriöse Vermittlungsagenturen verbreitet, die prekäre Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen. Da solch ein Netzwerk auf Solidarität und Zuverlässigkeit basiert, kann es nach Bedarf schnell aktiviert werden (z. B. bei ausstehendem Lohn).

[ssba]