Cajo Brendel (* 1916 – † 25. Juni 2007)

Der hollländische Rätekommunist Cajo Brendel ist am 25.Juni 2007 im Alter von 91 Jahren gestorben.
Möge ihm die Erde leicht sein!

Cajo Brendel zum Abschied – von Piet Rademakers, Hengelo (Nl.)

Cajo Brendel, holländischer Rätekommunist in der Tradition von Rühle, Herman Gorter, Anton Pannekoek, Henriëtte Roland Holst, hat sein Leben lang gekämpft für die Idee, dass es die Arbeiter selbst sind die bestimmen, wo ihre Interessen liegen – gegen Bevormundung von Parteien (bürgerliche oder linke, auch radikal-linke, bolschewistische, sozialdemokratische, gewerkschaftliche oder andere Gruppen). Die Arbeiter seien im Stande für ihr Interesse zu kämpfen – und dieser Kampf könne verschiedene, auch unerwartete und neue Formen annehmen. Er hat also für eine Idee, diese Idee, gekämpft, nicht für die Arbeiter – kämpfen tun sie selber.

Anfänglich Trotzkist, ist er in den 30er Jahren zu diesem (räte-kommunistischen) Standpunkt gekommen.

Ihn kennzeichnete immer ein großer Scharfsinn, ein Riesengedächtnis (es war sprichwörtlich), gründliche Kenntnis der Klassiker (vor allem Marx, Pannekoek u. a.), Radikalität, die Fähigkeit mit jemandem „grundsätzlich“ nicht ganz einverstanden zu sein, und trotzdem auf der persönlichen Ebene gute Freunde zu bleiben (als Zeichen, dass er nicht exkommunizierte), Hartnäckigkeit wenn es um Details ging; alles wies darauf hin, dass er ein guter, ein tüchtiger Gegner war, und dass man mit ihm gut diskutieren konnte. Ob alle seine „Gegner“ das so erlebt haben, ist nicht sicher – jedenfalls zeigt die politische Biographie Cajos einen Gang von großen zu kleinen Splittergruppen auf. Die letzte war die 1964 gegründete „Daad en Gedachte Gruppe“, die immer eine Splittergruppe geblieben ist, was ihn nicht daran hinderte, seine Beiträge auch in Blättern von Andersdenkenden und Gegnern zu publizieren – um der Diskussion willen.

Ein Streit mit ihm war gewaltig – im Sinne von mit vieler (intellektueller) Gewalt und imponierend. Sein Gedächtnis und seine Intelligenz waren seine Waffen und persönlich habe ich es immer genossen, wenn er mit jemandem diskutierte. Das war fast wie im Theater, eine Lust für Auge, Ohr und Intellekt (man hätte Eintrittsgeld fragen müssen). In der Diskussion war er hart – zu hart? Er wurde jedenfalls niemals persönlich, und blieb immer rational. Er machte den Eindruck, dass er wirklich alles was wichtig war, gelesen hatte, oder davon wusste. Ich meine nicht nur Bücher, ich meine auch Zeitungs-  oder Rundfunk- oder andere (wie z.B. persönliche) Berichte über Klassenkämpfe. Auf seinem Gebiet war er ein „Schwamm“ der alles aufsaugte.

Jahrelang hatte er zwei Nächte in der Woche nicht geschlafen, brauchte es auch nicht. Später nur 4 Stunden pro Nacht. Dazu hatte er auch noch seinen Job als Tageszeitungsjournalist – er hat wohl zwei (oder mehrere) Leben gelebt.

Schon vor dem 2. Weltkrieg war er dabei – 1936 die großen Streiks in Frankreich, 1937 die Kämpfe der Bergarbeiter in der Belgischen Borinage. Seit dem 2. Weltkrieg war das noch mehr der Fall, wenn etwas los war: Klassenkämpfe in Deutschland, Belgien, den Niederlanden, England hat er fast immer persönlich „beigewohnt“, konnte darüber lange Geschichten erzählen, und über alle diese Kämpfe hat er ausführlich (alleine, gelegentlich auch mit anderen) geschrieben, ob auf Englisch, Deutsch,  Französisch, oder Niederländisch.

Er hatte auch überall Kontakte, von Australien bis Amerika, von Spanien bis Norwegen, und seine Korrespondenz muss wohl riesig gewesen sein. Als ich bei ihm zu Besuch war, und übernachtete (jeder war immer willkommen) war er ständig in Betrieb, mit Aufsätzen, und immer mit mehreren Korrespondenzen zugleich (im Zeitalter des Computers natürlich mit Email). Nur Fragen und Antworten, Fragen nach Details, und Antworten über Standpunkte – es ging ihm dabei um die sehr interessante These („Wahrheit“, wenn man will): man könne den Klassenkampf – einen Arbeitskonflikt – nur „gut’ oder ‚richtig’ verstehen, wenn man die Arbeiter als unabhängig betrachtete, und sie nach ihren Taten (nicht nach ihren Gedanken) beurteilte. Die ‚wirkliche’ Dynamik konnte man erst dann gut sehen oder in den (intellektuellen) Griff bekommen, wenn man davon ausging, dass die Arbeiter niemanden außer sich selbst brauchten; wenn andere Kräfte ins Feld kämen, wie fremde Parteien, Parteichen, Gewerkschaften, linke Studenten, u.s.w. dann ging es schief. Nur Verbände in den Händen der Arbeiter konnten die Arbeiterinteressen ‚wahrmachen’ und verwirklichen: die „Arbeiterräte-Idee“.

Dabei hat Cajo Brendel immer darauf hingewiesen, dass (seine) Ideen im Klassenkampf überhaupt keine Rolle spielten, spielen, oder spielen werden (im Unterschied zu vielen der studentischen Linke). Der Klassenkampf gehe nicht von ‚Gedanken’ aus. In der Vorhut (Avantgarde) befänden sich die (zukünftigen) Unterdrücker. Die These der ‚Verbürgerlichung’ der Arbeiter warf er weit von sich. Die Arbeiterklasse warte nur ihre Chance ab.

Seine Gedanken hat er monatlich niedergelegt in Daad en Gedachte und in seinen zahlreichen Büchern und Broschüren. Das sind insgesamt wohl mehrere hundert Texte, manchmal unter Pseudonym geschrieben, oder in jetzt unauffindbaren Blättern. Seine eigene Zeitschrift (Daad en Gedachte – Tat und Gedanke d.h. erst kommt die Tat, dann erst der Gedanke) hat er hauptsächlich alleine geschrieben, mit Hilfe anderer zwar, obwohl man sagen kann, es sei eigentlich sein Ding gewesen: monatlich, mehr als 30 Jahre lang, von den 60er Jahren, bis in die 90er Jahre. Es ist eine wahre Fundgrube über die Klassenkämpfe dieser Periode, weltweit. Eine Riesenleistung, einfach Geschichte.

Und dann, wie gesagt seine zahlreichen Bücher und Broschüren, z.B. über den spanischen Bürgerkrieg (Revolutie en contrarevolutie in Spanje. Een analyse. Baarn, 1977, 416 S.) ein Klassiker, leider noch nicht auf Deutsch erschienen; über die Klassenkämpfe in England, über die Polnische Umwandlung mit Solidarnosc, Broschüren über Berlin 1953, den ungarischen Aufstand, seine (fast welt) berühmten Thesen über die Chinesische Revolution – übersetzt in zig Sprachen (bis ins Koreanisch) soll im Underground Chinas ein sehr gewollter, gesuchter Text sein.

Jeder der ihn gekannt hat, erinnert sich an ihn. Er war unvergesslich. Er machte Eindruck, war eine sehr markante Person. Er war – vor allem außerhalb der Diskussion – ein Menschenmensch. Seine Abkehr von ‚Führung’ und ‚Parteiwesen’ war wirklich, saß ihm im Blut. Das merkte man auch im persönlichen Kontakt. Zu schade, dass sein wundervoller Kopf ihn die letzten Jahre im Stich ließ. Alzheimer kennt keinen Gnade.

Viele seiner zahllosen Schriften, sowie sein ganzes Privatarchiv, liegen im Institut für Sozialgeschichte (International Institute of Social History) in Amsterdam.

Cajo Brendel hat verschiedene Bücher und Broschüren in Deutschland publiziert, z.B.: Anton Pannekoek. Denker der Revolution, 2001 ça ira verlag; Thesen über die Chinesische Revolution, Hamburg, Nautilus, 1977; Autonome Klassenkämpfe in England 1945-1972, Berlin 1974

Leider ist viel von dem was er in Deutschland publiziert hat, vergriffen, oder, was die kleineren Texte angeht, unauffindbar.  Zum Glück ist für Oktober 2007 beim Unrast Verlag, Münster, eine Textsammlung geplant, unter dem Titel Die Revolution ist keine Parteisache, insgesamt 300 Seiten, mit Texten über die „Gruppe Internationale Kommunisten“ in den Niederlanden, über den „Klassenaufstand in Ostdeutschland, Juni 1953“, über Kronstadt, „Frühe Erinnerungen“, die oben genannten „Thesen über die Chinesische Revolution“, und über die „Autonome Klassenkämpfe in England 1945-1972“, u.s.w.

Das für diese Ausgabe geplante Vorwort, die Persönlichen Erinnerungen von Henri Simon, sein „Partner in Crime“, kann man, auf Französisch,
im Internet lesen: http://endehors.org/news/cajo-brendel-un-camarade-hollandais-est-decede-le-mardi-26-juin-2007

Viele werden, aus mehreren Gründen, Cajo Brendel nie vergessen.

Editorische Anmerkungen

Text und Fotos stammen von Piet Rademakers. Er schrieb uns am 22.7.07:

Liebe Genossen,
Als guter Freund und Bekannter von Cajo Brendel habe ich, nach seinem Tod, einen Text geschrieben den ihr, wenn ihr wollt, auf eurem Webseite setzen könnt. Ich habe auch einige Bilder dazu, zwar aus 1978, und auch damit könnt ihr machen was ihr wollt.
Freundlichen Gruß
Piet Rademakers
Hengelo, Niederlanden

Wir empfehlen, für diejenigen, die mehr über Cajo Brendels Positionen und theoretische Ansichten erfahren wollen, ins Infopartisan.net zu schauen.

http://www.infopartisan.net/archive/brendel/index.html

Autor*in faud1

Mitglied der FAUD seit den 1990er Jahren, Mitglied der AFD (jetzt FdA) seit den 1990er Jahren, Gründungsmitglied der Anarchistischen Studierenden Initiative (AStI), Redaktionsmitglied des "Mühsam" - Zeitung des Bilddungssyndikates, Mitglied des Theater ohne Namens (ToN) und der Gruppe M.A.S.S.A.K.A. (Auftritte in Düsseldorf und Appelscha), Teil der Organisationsgruppe des I02 in Essen, Teil der Oragnisationsgruppe der libertären Mendienmesse 2010/2012/2014, Teil der FAUD-Akademie, Mitgründer der Schwarzroten Rad-/Wander*innen, Vortragsreisender (BRD, A, CH, SRB)

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