„Kaputt und die Hoffnung“ – Eine Besprechung von einem, der keine Ahnung hat

 | Rudolf Mühland

Da hat mich der Paul also gefragt, ob ich nicht seine neue Platte besprechen kann. Einerseits habe ich mich darüber sehr gefreut, denn uns verbindet eine jahrelange Freundschaft. Andererseits habe ich aber von Musik und Kultur wirklich überhaupt keine Ahnung, fast so wenig wie von Religion.

Also, für alle, die Paul nicht kennen: Er ist in der DDR geboren und aufgewachsen, hat Geige gelernt und ist vor allem ein Punk. Ja – so sieht er gar nicht aus, aber seine Lieder thematisieren gerade sein Ostdeutsch- und sein Punksein immer wieder.
Sein Geigenspiel reflektiert das sehr gut, bricht er doch, soweit ich das beurteilen kann, die Konvention, wie mit diesem Instrument meistens umgegangen wird.
Auf seinem neuen, achten Solo-Album „KAPUTT und die Hoffnung“ ist gleich das erste Lied seinen alten Punker-Freund:innen gewidmet. Und während der Mythos noch mit seinem „No Future!“ nachhallt, textet Paul: „Macht euch doch selbst kaputt – bevor es jemand anders tut!“. Mit „Macht kaputt was euch kaputt macht“ hat der Song dabei nichts am Hut, vielmehr erzählt er uns, was war und nicht mehr ist. Der Song endet etwas wehmütig mit den Worten „doch was wir verloren haben, kommt nie mehr zurück“.
In „Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit“ besingt Paul den Verlust der Utopie, das Erstarken autoritärer Bewegungen, den neuen alten Antisemitismus, den Krieg gegen die Ukraine und uns (ich hoffe ihr verzeiht mir den Plural), die wir uns über jede Kleinigkeit zerstreiten.
Doch bevor ich darin verfalle, jeden Song der Reihe nach abzuarbeiten, hier mein Resümee:
Erstens: Hans, Sahara B und Penny Crémant aka Kiki tun dem Album gut. Die Instrumente und die zusätzliche Stimme beim Gesang verleihen dem Ganzen eine Tiefe und tragen die von Paul auf so spezielle Art gespielte Geige von Song zu Song.
Zweitens: Dieses Album ist wesentlich weniger im Stile von „Revolutionsmusik“, dem in die Jahre gekommenen Song von Paul, der noch voller Hoffnung und Zuversicht war. Und mein Lieblingssong von ihm!
Drittens: Der Titel des Albums ist gut gewählt. Denn Paul besingt eine Welt und eine Utopie, die kaputt ist. Und doch ist da noch immer – allen Umständen zum Trotz – die Hoffnung. Ich verrate sicherlich nicht zu viel, wenn ich sage, dass nicht alle Lieder diese Hoffnung erkennen lassen.
Bei „Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit“ kann man die Hoffnung schon mal verlieren. Aber anderseits finden sich auch Zeilen wie diese:
„wie soll die Gesellschaft meiner Träume sein? /
da ist doch noch ein Funke und ich lade Euch ein /
die Hoffnungslosigkeit zu überwinden /
und gemeinsam neue Wege zu finden“.
Daran sollten wir festhalten. An dem Funken, der immer noch und trotz allem da ist. Und wir sollten Pauls Einladung folgen, um „die Hoffnungslosigkeit zu überwinden und gemeinsam neue Wege zu finden“. Mir hat dieses Lied wieder Mut gemacht und mich in meinem Trotz bestärkt (1).

(1) siehe meinen Artikel „Bevor ich kaputt gehe“ in: GWR 484, Dezember 2023

Paul Geigerzähler:
KAPUTT und die Hoffnung, CD, 2024, 22 Euro

KAPUTT und die Hoffnung


https://brokensilence.de/lnk/geigerzaehler/

Heute vor 115 Jahren wurde Heinrich Weigand Darmstadt-Arheilgen geboren.

Eine kurze Biographie des deutschen Anarchisten Heinrich Weigand, der mehr als 11 Jahre in Nazi-Gefängnissen und Konzentrationslagern litt.

Mitglied der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) in Darmstadt im Rheinland. Zusammen mit anderen Mitgliedern der FAUD (siehe den Eintrag zu Gustav Doster hier bei libcom) baute er unter der NS-Herrschaft Untergrundnetzwerke auf. Er war Mitglied der Gruppe um den bulgarischen Anarchisten Kiril Inkoloff (Inkolov), der später in den Vernichtungslagern ums Leben kam.

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Vor 75 Jahren starb der Bergmann Karl Börder (* 1868 – † 01.05.1949)

Karl Börder war seit dem Kaiserreich ein ziemlich aktiver Anarchist in Dortmund der dann 1933 auch gleich verhaftet worden und ins KZ Börgermoor gekommen ist. Nach seiner Entlassung musste er sich einmal die Woche auf der Polizeiwache zurückmelden. Und der hatte Aufgrund seiner Erfahrungen einfach zu viel Angst, Kontakt mit seinen alten Kollegen wieder aufzunehmen. Er hat den ganzen Faschismus quasi als Schnecke überdauert in seinem eigenen Häuschen. Er ist nach 1945 wieder aktiv geworden. Die wenigen Überlebenden des Faschismus sind nach 1945 direkt wieder aktiv geworden, haben wieder Kontakt zueinander aufgenommen und versucht ihre Vorstellungen von einem freiheitlichen Sozialismus wieder umzusetzen. Karl Börder initiierte 1945 in Dortmund-Dorstfeld, als über 80ig Jähriger, eine Gruppe der anarchistischen Jugend. Mit seinem Tod (1949) geht auch jede Spur dieser anarchistischen Gruppe verloren.

Wir dokumentieren an dieser Stelle eine Todesanzeige, die am 11. Juni 1949 in der englischen Freedom veröffentlicht wurde:

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Eine kurze Geschichte des 1. Mai

Die Wurzeln des 1. Mai reichen viel weiter zurück als bis zur sogenannten „Haymarket“-Affaire. Und selbst diese kennt heutzutage kaum noch eine.
Angefangen hat alles mit der Forderung nach dem 8 Stunden Arbeitstag. Das erste mal tauchte sie in den 1810er in Gr0ßbritannien auf. Es war Robert Owen[1] die Forderung nach einem 8 Stundentag als erster formulierte. Von ihm stammt die auch noch heute in bestimmten Kreisen populäre Formulierung:

„Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung“.

Nach dem Vorschlag von R. Owen, dass sich die Gewerkschaften doch zusammenschließen sollten, bildete sich 1834 die Grand National Consolidated Trade Union. Die englischen Gewerkschaften riefen für ihr Ziel des Achtstundentags einen landesweiten Streik am 1. Mai 1833 auf.

Der erste dokumentierte erfolgreiche (!) Streik für einen Achtstundentag wurde 1840 in Wellington, in Neuseeland von den Tischlern ausgetragen. Den ersten offiziell eingeführten Achtstundentag mit vollem Lohnausgleich gab es allerdings erst 1856 in Australien. Steinmetze und Gebäudearbeiter erkämpften am 21. April 1856 in Melbourne mit einem Demonstrationsmarsch zum Parlament den Achtstundentag. Von diesem Zeitpunkt an stand der Achtstundentag als Symbol für demokratisch erkämpfte Arbeitnehmerrechte.[2]

Die 1864 in London gegründete Internationale Arbeiter Assoziation (I.A.A.) machte sich1866 die Forderung des Achtstundentages zu eigen. Damit wird der Kampf für den Achtstundentag zu einer allgemeinen Forderung der Arbeiterklasse der gesamten Welt erhoben[3].

Chicago

1837 wurde der kleine Ort Chicago mit damals 4000 Einwohner*innen zur Stadt. Knapp 50 Jahre später führten die Ereignisse in dieser Stadt um die Auseinandersetzungen für den Achtstunden-Tag zum internationalen Arbeitertag am 1. Mai. 19 Jahre nach der Stadtgründung Chicagos war von der Arbeiterbewegung Australiens erstmals der Achtstundentag gefordert worden. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits viele Jahre lang deutsche Arbeiter*innen und Bauern in die USA eingewandert, anfangs waren es vor allem Südwestdeutsche, die sich im „Schwabenverein“ organisierten, viele davon wandten sich nach Chicago. In den 1850er Jahren kamen die 48er Revolutionäre als

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