aus dem Archiv: A K T U E L L – I 9 9 K O N G R E S S

Vom 1. bis 6. Juni fand in San Francisco der „Internationale Solidaritäts-Kongress ’99“ statt. Der Einladung der Industrial Workers of the World (IWW) und der Workers Solidarity Alliance (WSA-IAA) waren rund 100 TeilnehmerInnen aus den USA, Australien, Frankreich, der Schweiz, Schweden, Deutschland und Korea gefolgt. Delegierten aus Bangladesh und Nigeria war die Einreise verweigert worden. 6 Tage lang diskutierten die TeilnehmerInnen über syndikalistische Perspektiven und tauschten Erfahrungen aus.

I99 Kongress in San Francisco
Die Revolution fängt da an, wo die Spaltereien enden

Der Internationale Solidaritäts-Kongress ’99 (I99) fand vom 1. bis 6. Juni ’99 in San Francisco statt und war gut besucht mit rund 100 TeilnehmerInnen aus den USA (IWW, WSA, „Food not bombs“ etc.), Australien (ASG-M, IWW), Kanada (IWW), Frankreich (CNT Vignoles), Schweiz (Aussersieler Anarchisten, A-Infos), Schweden (SAC, SUF), Deutschland (FAU), Korea (KCTU). Ihre Teilnahme angekündigt hatten auch die NGWF aus Bangladesch und die nigerianische Sektion der IAA, die Awareness League. Leider tauchten beide Delegierte vor Ort nicht auf, höchstwahrscheinlich haben ihnen Visaprobleme in letzter Minute einen Strich durch die Rechnung gemacht. Einige weitere Organisationen bekundeten ihre Unterstützung und Solidarität, konnten aber – in der Regel aus finanziellen Gründen – nicht teilnehmen.

In Vorträgen und Arbeitsgruppen wurden umfangreiche Themenkomplexe diskutiert. Neben eher „klassisch syndikalistischen“ Fragen wie etwa der gewerkschaftlichen Organisierung von Jugendlichen oder der direkten Aktion als Mittel der Gewerkschaftsarbeit reichte das Spektrum von Ökologie und Arbeiterbewegung über Antifaschismus, der Drogenpolitik des CIA bis hin zu Erfahrungsberichten aus der Arbeit mit Obdachlosen und spiegelte so die ganze Bandbreite wider, wo überall anarchosyndikalistische Arbeit laufen kann und muß.

Die WSA (Workers Solidarity Alliance, US-Sektion der IAA) und die IWW (Industrial Workers of the World) in San Francisco hatten sich mit der Planung des îI99-Kongressesî ein hohes Ziel gesetzt: Sie wollten mit einer internationalen Konferenz die revolutionär-syndikalistischen / anarchosyndikalistischen Organisationen und Gruppen innerhalb und außerhalb der IAA erstmalig seit Jahrzehnten wieder an einen Tisch bringen.

Erklärtes Ziel des ganzen Projektes war es, wieder eine Kommunikation, einen Erfahrungsaustausch und gemeinsame Aktivitäten in Gang zu bringen. Denn, wie es auch im Aufrufstext lautet „die Revolution fängt da an, wo die Spaltereien enden“.

Dem liegt die einfache Erkenntnis zugrunde daß Menschen schliesslich in syndikalistische Gewerkschaften gehen, um Solidarität zu bekommen und selber solidarisch mit anderen zu handeln, und nicht, um sich mit anderen ArbeiterInnen zu bekriegen. Gerade heutzutage, wo der Syndikalismus in seinen unterschiedlichen Spielarten endlich wieder einiges an Echo bei den Arbeitenden findet und international an Stärke dazugewinnt, muß es darum gehen, den transnational operierenden Konzernen und Strukturen wie der WHO, dem IWF und der Weltbank eine solidarische und – zumindest punktuell – gemeinsam agierende ArbeiterInnenbewegung entgegenzusetzen.

Die Graeben zu ueberbrücken, endlich wieder miteinander anstatt nebeneinander oder gar gegeneinander zu arbeiten, war also Sinn und Zweck dieser seit mehr als einem Jahr geplanten und hervorragend vorbereiteten Konferenz. Und bei aller zulässigen Kritik an der oft unstrukturierten Diskussionsweise, an dem meist sehr vortragsorientierten Charakter der Veranstaltung, der teilweise mangelnden Vorbereitung der einzelnen TeilnehmerInnen der Arbeitsgruppen (was im übrigen auch bei unseren Kongressen ja nicht selten zu erleben ist… ) muß abschliessend mit Respekt festgestellt werden: Das Ziel wurde erreicht! Nicht allein wurde damit ein Anstoss gegeben, die IAA aus ihrer politischen Erstarrung zu lösen und wieder in den Dialog mit den anarchosyndikalistischen Organisationen ausserhalb der Internationale zu bringen. Auch für die stärker werdende Zahl derjenigen, die sich innerhalb der SAC, der CNT Vignoles und der IWW als AnarchosyndikalistInnen verstehen, sorgte der Kongress für ein Gefühl des Neubeginns ungeachtet verkrusteter Strukturen und persönlicher Feindschaften auch in ihren Organisationen.

Während einige der auf dem Kongress vertetenen Organisationen eher kleinere Propagandaorganisationen noch auf dem Weg zu „richtigen“ Gewerkschaften sind, wie etwa die FAU und die WSA, können doch andere auf ein beachtliches Ausmaß an realer syndikalistischer Arbeit verweisen. So etwa befinden sich die CNT Vignoles mit rund 1.400 Mitgliedern und die IWW in den USA mit rund 1.100 Mitgliedern derzeit in einem Prozess des schnellen Wachstums. Unter anderem im Bildungsbereich und im öffentlichen Dienstleistungssektor sind beide Organisationen sehr aktiv. Was ihnen und der SAC bei allen taktischen und strategischen Unterschieden gemeinsam ist, ist die Tatsache, daß sie innerhalb der Arbeiterschaft bekannt sind, sie kein abgeschiedenes Ghettodasein fristen, sondern für kämpferische, radikale Gewerkschaftsarbeit stehen. Sie werden schlicht als Gewerkschaft angesehen, in denen jede/r willkommen ist, um für die eigenen Rechte (und die der anderen ArbeiterInnen natürlich auch) zu streiten, und dies scheint sie für immer mehr arbeitende Menschen attraktiv zu machen.

Auf diese Weise steht beispielsweise die IWW auch in engem Kontakt zu den aktuellen Arbeitskämpfen in den USA, egal ob sie nun von IWW-Mitgliedern geführt werden oder eben von anderweitig organisierten / unorganisierten ArbeiterInnen. Praktische solidarische Unterstützung ist eine Selbstverständlichkeit und schafft umgekehrt auch grössere Bekanntheit der eigenen Organisation und Vertrauen in deren Fähigkeiten. So etwa bei der gerade in San Francisco gegründeten Gewerkschaft der Fahrradboten oder aber auch dem Streik der Stahlarbeiter von „Kaisers Alumnium“, die mit einer Delegation auf dem Kongress von ihrem Arbeitskampf berichteten.

Gerade das Bedürfnis nach eben dieser praktizierten gegenseitigen Solidarität zog sich wie ein roter Faden durch die Gespräche und Diskussionen der Konferenz. Egal ob streikende Stahlarbeiter oder das erfolgreiche Beispiel des Arbeitskampfes der Arbeiterinnen der Peepshow im „Lusty Lady Shop“ in San Francisco – erfolgreiche Organisierung und Ideen für Aktionsformen wurden für den eigenen Gebrauch erfreut zur Kenntnis genommen. Zahlreiche Ideen, wie mensch sich gegenseitig unterstüzen kann, gleich, ob bei der Organisierung einer Betriebsgruppe oder für die geplanten Proteste gegen die Tagung der WHO in Seattle im November diesen Jahres 1999, wurden lebhaft diskutiert und werden sicherlich in der Folge des Kongresses weiterentwickelt und umgesetzt.

Was die KongressteilnehmerInnen einte, war das Gefühl, „Mensch, hier passiert was!“ – Und genau das ist es, was unsere Bewegung wieder braucht. Statt endloser Diskussionen darüber, ob die anderen nun auch 100% in jedem Detail mit der eigenen Auffassung vom Anarcho-Syndikalismus übereinstimmen, ist nichts notwendiger als Kommunikation und gemeinsame Aktion. Die Kölner Gipfeldemo und der I99-Kongress zeigen, daß es Zeit wird, mit einer neuen Generation in der syndikalistischen Bewegung die Konflikte der Vergangenheit zu begraben und ganz einfach praktische (internationale) Solidarität zu üben. So banal das klingt, so viel Power steckt dahinter, wenn wir uns in Zukunft tatsächlich gegenseitig in unseren Aktionen und Kampagnen unterstützen, anstatt in Grabenkämpfen zu verharren. Wir brauchen dafür keine neue Internationale als Konkurrenz zur IAA. Alle Spekulationen, die dies als heimliches Ziel des Kongresses ausgemacht hatten, haben sich als barer Unsinn erwiesen. Was die Teilnehmenden der Konferenz wollen, ist nichts als etwas mehr gegenseitige Toleranz und Unterstützung.
Fangen wir gleich damit an!

Hobbes

[ssba]