Broschüre über die Duisburger Stolpersteine

Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung e.V. hat im November 2019 eine Kostenlose Online-Broschüre (338 Seiten, DIN-A4) über die 300 Duisburger Stolpersteine herausgebracht.

Die Leserinnen und Leser finden hier erstmals eine ausführliche und vollständige Liste dieser Steine mit Verlegungsort, Fotos des jeweiligen Steines und dessen Umgebung, das Verlegungsdatum, sowie Kurztexte zu den Biografien, die der Literatur und Zeitungsartikeln entnommen sind und Verweise auf weitere Quellen.

 

 

 

Da der Umfang relativ groß ist, stellen wir (das DISS) diese Broschüre in drei inhaltsgleichen Fassungen mit unterschiedlicher Dateigröße und Bildauflösung zur Verfügung

PDF-Datei in hoher Auflösung zum Ausdrucken (62 MB)

PDF-Datei in mittlerer Auflösung (32MB)

PDF-Datei in niedriger Auflösung mit geringer Dateigröße, aber verschwommenen Fotos (12MB)

Auszug aus dem Vorwort

2014 recherchierte ich für die Online-Broschüre des DISS „Spurensuche zur Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma in Duisburg“.

Der über 100 Ermordeten wird in Duisburg im öffentlichen Raum nur an einem Ort gedacht. An der Koloniestraße 135 liegen vier Stolpersteine für Angehörige der Familie Atsch, die von den Nazis als „Zigeuner“ verfolgt und 1943 in Auschwitz ermordet wurden (Steine Nr. 250 bis 253). Der Verfolgungsgrund ist den Inschriften nicht zu entnehmen. Schon damals entstand die Idee, ähnlich wie in der Broschüre Spurensuche das Wissen über die Duisburger Stolpersteine zu bündeln.

Die Stolpersteine sind ein Kunstprojekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Die Entstehung dieses Projekts hängt ebenfalls mit der Erinnerung an den Völkermord an Sinti und Roma zusammen.

1990, am 50. Jahrestag der ersten großen Deportation von Sinti und Roma 1940, bei der auch Duisburger durch die Kölner Straßen zum Deutzer Bahnhof getrieben wurden, markierte der politische Aktionskünstler Gunter Demnig den Deportationsweg quer durch Köln in einer spektakulären Aktion durch eine Farbspur. Der Künstler setzte sich durch diese Aktion auch für ein Bleiberecht für geflüchtete Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien ein. Zwei Jahre später, als sich der ‚Auschwitz-Erlass‘ Heinrich Himmlers jährte, in dem die Vernichtung der Sinti und Roma befohlen wurde, verlegte Demnig den ersten ‚Stolperstein‘ vor dem alten Rathaus in Köln. Er trug als Inschrift die ersten Zeilen von Himmlers Mordbefehl.

Die Stolperstein-Idee wurde in den nächsten Jahren weiterentwickelt und auf die Ehrung von NS-Opfern übertragen. In Deutschland ist es fast unmöglich, der Opfer des NS-Regimes dort zu gedenken, wo sie gewohnt und gelebt haben. Gedenktafeln an Häusern dürfen nur mit Genehmigung des Hausbesitzers oder Hausbesitzerin angebracht werden. Dies wird in den allermeisten Fällen nicht als Ehre, sondern als Makel angesehen und die Zustimmung deshalb verweigert. Die Stolpersteine umgehen dieses Problem, denn der Bürgersteig und die Straße gehören der Gemeinde oder der Stadt. Wenn die zustimmt, kann kein Hausbesitzer oder Hausbesitzerin ein Verbot aussprechen.

„Jedes Opfer erhält seinen eigenen Stein. Gedacht wird mit diesem Projekt aller verfolgten oder ermordeten Opfer des Nationalsozialismus: Juden; Sinti und Roma; politisch Verfolgten; religiös Verfolgten; Zeugen Jehovas; Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung; Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Hautfarbe verfolgt wurden; als „asozial“ verfolgte Menschen, wie Obdachlose oder Prostituierte; Zwangsarbeiter und Deserteure; letztlich aller Menschen, die unter diesem Regime leiden mussten.“ (http://www.stolpersteine.eu/schritte/)

Der jeweilige Stein sollte wenn möglich vor dem letzten frei gewählten Wohnsitz des Opfers verlegt werden. Aus verschiedenen Gründen gibt es auch Abweichungen von diesem Prinzip. In Duisburg wurden auch einige Stolpersteine vor sogenannten „Judenhäusern“ verlegt, in die die Nazis Menschen zwangsweise einwiesen und wo sie gezwungen waren, auf engstem Raum unter unwürdigen Bedingungen zusammenzuleben. In der Liste habe ich diese Verlegungsorte in den Anmerkungen gekennzeichnet.

Gunter Demnigs Kunstprojekt stieß auf enorme Resonanz in der Zivilgesellschaft. Zwischen 1997 und Oktober 2018 verlegte er 70.000 Stolpersteine in Deutschland und auch in 23 weiteren europäischen Ländern. (https://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine)

Stolpersteine in Duisburg

In Duisburg begann die Geschichte der Stolpersteine 2002. Schülerinnen des Sophie- Scholl-Berufskollegs schufen zusammen mit ihren Lehrern Brigitte Wilken und Hans-Werner Kittmann anlässlich der jüdischen Kulturtage ein Mosaik, auf dem auf einem Duisburger Stadtplan Stolpersteine eingezeichnet waren, die noch verlegt werden sollten. Dieses Mosaik befindet sich vor dem Ostausgang des Duisburger Hauptbahnhofs. Leider ist es inzwischen in schlechtem Zustand, es ist beschädigt und müsste dringend restauriert werden.

In den Jahren 2002-2009 wurden die Stolpersteinverlegungen vom Evangelischen Bildungswerk koordiniert. Kurt Walter und Helmut Becker-Behn haben sich dabei sehr verdient gemacht. Seit 2010 betreut der Jugendring Stadt Duisburg die Stolpersteine in Duisburg.

Duisburg-Statistik

Nur ein kleiner Teil der NS-Opfer kann geehrt werden. Die Steine sind nicht statistisch repräsentativ. Da bewusst auf eine zentrale planende und lenkende Instanz verzichtet wird, ist manches vom Zufall abhängig. Es muss sich eine Patin oder ein Pate finden und sich für die Verlegung eines Steins einsetzen. Paten sind Einzelpersonen und Anwohner, Schulen oder Schulklassen, Vereine und Verbände. Oft sind die Stolperstein-Paten auch Verwandte der Opfer, und schon mehrfach reisten sie von weither nach Duisburg, um an der feierlichen Verlegung teilzunehmen.

Trotzdem decken die Duisburger Steine die meisten Opfergruppen ab.

In Duisburg gibt es 300 Steine an 135 Verlegungsorten. Davon wurden 10 nicht aufgefunden an 7 Orten. Geehrt werden 131 Frauen und 169 Männer.

Nach den oft sehr willkürlichen Verfolgungskategorien der Nazis sind darunter:

242 Menschen mit jüdischen Wurzeln (Jüdinnen und Juden und Menschen mit jüdischen Vorfahren, die gemäß der kruden Rassenideologie der Nazis als Juden galten)

44 Antifaschistinnen und Antifaschisten (KPD, SPD, SAP, FAUD, Gewerkschafter, nicht Organisierte u.a.)

5 Homosexuelle (Menschen mit von der Norm abweichender sexuellen Orientierung wurden verfolgt)

4 sog. „Zigeuner“ (Sinti, Roma und Menschen, denen die Nazis eine angebliche „zigeunerische Lebensweise“ nachsagten)

2 „Euthanasie“-Opfer (als behindert oder psychisch krank eingestufte Menschen)

1 Jehovas Zeugen (Angehörige der Religionsgemeinschaft wurden verfolgt)

1 Zwangsarbeiterin (Zwangsverpflichtete ausländische Arbeitskräfte, die unter unwürdigen Bedingungen in Duisburger Industriebetrieben arbeiten mussten)

1 sog. „Arbeitsscheue“ (aus nichtigem Anlass wurden Menschen als „arbeitsscheu“, „asozial“ oder „Berufsverbrecher“ eingestuft, verfolgt und ermordet)

Stolpersteine als zivilgesellschaftliches Projekt

Die Stolpersteine sind ein Projekt von Unten. Nichts daran ist staatlich oder kommerziell. Darin liegt die besondere Qualität des Projekts. Die Planung, Finanzierung, Durchführung und Nachbereitung liegt voll in zivilgesellschaftlicher Hand.

Zivilgesellschaftliche Aktivitäten in Duisburg: Patenschaften + Schulprojekte + Stolpersteine Putzen, z.B. am 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht 1938 + Stadthistorische Führungen + Einbeziehung der Steine in den Protest gegen Nazi-Aufmärsche + Gedenkveranstaltungen, z.B. jährliche Open-Air-Kundgebungen an den Steinen für Harro und Libertas Schulze-Boysen.

Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung

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PS: In Düsseldorf wurde 2017 der 300. Stolperstein verlegt. Er ist Anton Rosinke gewidmet:

[ssba]