Elisabeth Dmitrieff (1850–1918)

Elisabeth Dmitrieff (1850–1918)

Elisabeth Dmitrieff (auch bekannt unter ihrem Ehenamen Elisabeth Tomanovskaia ) stammte aus einer wohlhabenden russischen Familie – sie war die uneheliche Tochter einer deutschstämmigen Krankenschwester und eines russischen Großgrundbesitzers. Obwohl ihr Vater sie und ihre vier Schwestern und Brüder nicht als eheliche Kinder anerkannte, erklärte er sie doch für erbberechtigt. Ende der sechziger Jahre orientierte sich Dmitrieff zunehmend an der revolutionären Bewegung und trennte sich von ihrem Elternhaus. 1869 ging sie eine Scheinehe ein, die ihr die Ausreise nach Westeuropa ermöglichte.

Quelle: http://antjeschrupp.de/dmitrieff

Elisabeth Dmitrieff trat wohl um die Jahreswende 1869/1870 in Kontakt zur Genfer Internationale – im Alter von nur 19 Jahren. Sie sprach nicht nur russisch, sondern auch deutsch, englisch und französisch, verfügte über die enorme Summe von 50.000 Rubeln und hatte den Kopf voller revolutionärer Ideen. Die langen, dunklen Wintermonate, die sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern jedes Jahr in St. Petersburg verbracht hatte, hatten ihr reichlich Gelegenheit gegeben, über politische Ideen zu diskutieren. Dort hatte sie im Nachbarhaus eine etwa gleichaltrige Freunden, Sonja Korvine-Krukovskaja, die später unter ihrem Ehenamen Kovalevski als Mathematikerin berühmt wurde. Zum Vorbild für Elisabeth Dmitrieff wurde jedoch Sonjas acht Jahre ältere Schwester Anna, eine junge Autorin mit ›aufrührerischen‹ Ideen, die unter einem männlichen Pseudonym politsche Novellen schrieb.

In Genf waren die russischen Revolutionärinnen und Revolutionäre zu dieser Zeit zahlreich und einflußreich, Alexander Herzen, Nikolai Ogarev und Michael Bakunin sind nur die berühmtesten unter den vielen, die die Stadt als Exilort gewählt hatten. Ein wichtiges Zentrum war in der Nähe von Vevey am Genfer See das Haus von Zoja Obolenska, einer reichen russischen Aristokratin. Dort wohnten in einer Art Hausgemeinschaft auch ihr Lebensgefährte, der polnische Fotograf Valérien Mroczkowski, das Ehepaar Nikolai Joukowski und Adèle Zinoviev, deren Schwester Olga Levaschov, dann Nikolai Utin, der 1863 am Polenaufstand teilgenommen hatte und danach aus Rußland geflohen war, und seine Ehefrau, die Feministin Natalia Korsini, die 1859 gemeinsam mit ihrer Schwester als erste Frau Jura- und Philosophievorlesungen an der Universität in St. Petersburg besucht und damit für einen Skandal gesorgt hatte, und schließlich das Ehepaar Michael und Antonia Bakunin, die Obolenska bereits ein paar Jahre zuvor in Florenz kennengelernt hatten und seither finanziell von dieser unterstützt wurden.

links: Antonia und Michael Bakunin

In Genf selbst wohnten zahlreiche weitere Russinnen und Russen, die aus politischen Gründen ins Exil gegangen waren und sich nun in der Internationale engagierten: Das Ehepaar Viktor und Ekaterina Bartenev, Alexander Serno-Soloviewitsch, einer der aktivsten Organisatoren in der Genfer Internationale, sowie seine Lebensgefährtin, die Feministin und frühere Lebensgefährtin des Dichters Mikhailov, Ludmilla Chelgunova und schließlich – zumindest zeitweise – auch Anna Korvine-Krukovskaja, die nach ihrer Ausreise aus Rußland in Paris den Medizinstudenten und Sozialisten Victor Jaclard kennengelernt hatte und mit ihm im Frühjahr 1870 ins Schweizer Exil ging.

Als Elisabeth Dmitrieff nach Genf übersiedelte, traf sie also auf eine relativ große russische Exilgemeinde, die höchst offen für Fragen des Geschlechterverhältnisses war. Das einheitliche Bild, mit dem die ›Russen‹ bislang aufgetreten waren, steckte jedoch in einer Krise. Etwa ein Jahr lang – von Herbst 1867 bis Herbst 1868 – hatte diese Gruppe um Zoja Obolenska offenbar relativ harmonisch zusammengelebt, doch dann kam es zu einem Konflikt zwischen Bakunin und Utin, der sich im Lauf der Jahre zu einer erbitterten Feindschaft entwickelte. Worum es dabei aber inhaltlich ging, ist bis heute letztlich ungeklärt. Ziemlich kurios ist zum Beispiel die Erklärung, Bakunin sei »ungewöhnlich eifersüchtig auf sexuell starke Männer« gewesen. Fest steht nur, daß Bakunin und die anderen Gründungsmitglieder der Allianz Nikolai Utin im Herbst 1868 die Aufnahme in die Allianz der Sozialistischen Demokratie verweigerten, obwohl er gemeinsam mit ihnen aus der Friedens- und Freiheitsliga ausgetreten war. Zum Konflikt kam es dann auch über ein Zeitungsprojekt, das unter dem Titel »Narodnoje Delo« (Die Sache des Volkes) die Ideen der Internationale in russischer Sprache propagieren sollte. Die erste Ausgabe war von Joukowski und Bakunin redigiert worden, die versuchten, die Anhängerinnen und Anhänger des inzwischen in Sibirien gefangen gehaltenen Tschernischewski für die Arbeit in der Internationale zu gewinnen. Olga Levaschov, die wichtigste Geldgeberin für das Projekt, verlangte jedoch, daß Utin gleichberechtigt in die Redaktion aufgenommen werde, woraufhin Bakunin und Joukowski von der Mitarbeit zurücktraten und Utin – unterstützt von seiner Frau Natalia, dem Ehepaar Bartenev und Anton Trusov – die Redaktion übernahm.

Elisabeth Dmitrieff ergriff sofort Partei für die Gruppe um Utin – in meinem Buch habe ich gezeigt, daß ihr Einfluß auf diesen Streit vermutlich sehr viel größer war, als in der Forschung bislang angenommen. Dahinter steht wohl einerseits ein Generationenkonflikt, andererseits aber auch der Wunsch von Dmitrieff, praktisch aktiv zu werden, während Bakunin und die Allianz in dieser Zeit vorrangig Wert auf Theoriearbeit lebten.

Im Frühjahr 1870 gründeten Dmitrieff, Utin, Levaschoff und andere in Genf eine »Russische Sektion«, die Anschluß an die Internationale suchte und Agitation gegen Bakunin und die Allianz betrieb. Als Abgesandte dieser Sektion reiste Dmitrieff Ende 1870 nach London, wo sie Karl Marx kennenlernte und sich mit seiner Tochter, Jenny Marx, anfreundete. Elisabeth Dmitrieff nahm in London an einigen öffentlichen Versammlungen der IAA und einige Male auch an den Sitzungen des Generalrats teil, doch sie dürfte das wohl als ähnlich langweilig empfunden haben, wie die Diskussionszirkel der Allianz. Als im März die Pariser Kommune ausgerufen wurde, ließ sie sich umgehend vom Generalrat als offizielle Repräsentantin dorthin entsenden. Dies ist die geschichtsträchtige Situation, auf die sie solange gewartet hat – und sie kann nicht verstehen, daß andere nicht ebenfalls voller Enthusiasmus nach Paris eilen. Schon im April kritisiert sie die übrigen Generalratsmitglieder in London, »die dort in Untätigkeit bleiben, während Paris an der Schwelle der Zerstörung steht«. Aber sowohl die meisten englischen Internationalen, als auch Dmitrieffs Genfer Freundinnen und Freunde zogen es vor, die Pariser Ereignisse aus sicherer Entfernung zu beobachten – im Gegensatz zu vielen anderen Männern und Frauen, die nach Paris gingen, um die Kommune persönlich unterstützen.

Elisabeth Dmitrieff selbst hatte das ehrgeizige Ziel, die Frauen in der Pariser Kommune zu organisieren. Dafür konnte sie sich lediglich auf ihre aus Genf herrührende Bekanntschaft mit Benoît Malon berufen, der allerdings als Bürgermeister des 17. Arrondissements und Mitglied verschiedener Kommissionen – die etwa die Funktion von Ministerien hatten – wichtige Ämter in der Kommune inne hatte, und auf ihre aus St. Petersburg herrührende Freundschaft mit Anna Korvine-Krukovskaja, deren Mann Victor Jaclard als Oberbefehlshaber der Nationalgarde und Mitglied der Kommuneregierung ebenfalls ein hoher Funktionär war. Ihre dritte Kontaktperson war, möglicherweise vermittelt über ein Empfehlungsschreiben von Marx, der Ungar Leo Frankel, Mitglied der Internationale und Vertreter des 13. Arrondissements in der Kommuneregierung, der bald schon ihr engster Verbündeter wurde. Malon und Frankel waren beide Mitglieder der Arbeits- und der Handelskommission, mit der Dmitrieff ihre Verhandlungen über die Neuorganisation der Frauenarbeit führte – und es wird bald schon deutlich, was ihr Eingreifen bereits in Genf gekennzeichnet hat: Auf die Masse kommt es an, nicht auf die theoretische Reinheit der Position.

Dmitrieff trat zunächst einem bereits bestehenden, während der Belagerung gegründeten »Comité des Femmes« bei, dem etwa 160 Gruppen und Initiativen angehörten und das 1800 Mitglieder zählte, darunter auch Anna Jaclard, André Léo, sowie die führende Frau der Pariser Internationale, Natalie Lemel. Das Comité scheint ein weitverzweigtes Netz aufgebaut zu haben, das sowohl praktische organisatorische Aufgaben übernahm wie auch einen Zusammenschluß der eher politisch interessierten Frauen ermöglichte. Doch offenbar kam es hier bald schon zu Differenzen, und Elisabeth Dmitrieff machte sich an die Gründung ihrer eigenen Organisation – der Union des Femmes, die allerdings wegen ihrer zentralistischen Tendenzen bei anderen Frauenorganisationen der Pariser Kommune umstritten war.

Nach der Niederschlagung der Kommune im Mai 1871 kehrte Elisabeth Dmitrieff resigniert erst in die Schweiz, Ende 1871 nach Rußland zurück und gab ihr politisches Engagement auf. Sie heiratete dort und lebte später in Sibirien, wohin ihr Mann wegen verschiedener Betrügereien verbannt worden war. Sie hatten zwei Töchter. Sowohl Marx als auch Utin verfolgten ihr Schicksal weiter. Dmitrieffs Todesjahr ist ungewiß, vermutlich starb sie um das Jahr 1918. In ihrem Geburtsort Volok, ca. 200 km von Novgorod, gibt es heute ein kleines Museum, das ihr gewidmet ist.

Autor*in faud1

Mitglied der FAUD seit den 1990er Jahren, Mitglied der AFD (jetzt FdA) seit den 1990er Jahren, Gründungsmitglied der Anarchistischen Studierenden Initiative (AStI), Redaktionsmitglied des "Mühsam" - Zeitung des Bilddungssyndikates, Mitglied des Theater ohne Namens (ToN) und der Gruppe M.A.S.S.A.K.A. (Auftritte in Düsseldorf und Appelscha), Teil der Organisationsgruppe des I02 in Essen, Teil der Oragnisationsgruppe der libertären Mendienmesse 2010/2012/2014, Teil der FAUD-Akademie, Mitgründer der Schwarzroten Rad-/Wander*innen, Vortragsreisender (BRD, A, CH, SRB)

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