Nachruf auf Peter Rösch

Blases Rede zum 35. Todestag von Matthias Domaschk auf dem Jenaer Nordfriedhof

In der Nacht vom 16. zum 17. Mai ist Peter „Blase“ Rösch in Berlin verstorben. Blase war seit den 70ern als Anarchist in der Oppositionsbewegung gegen das DDR-Regime aktiv gewesen – im Umfeld der JG Stadtmitte Jena, in der Solidaritätskampagne für den ausgebürgerten Wolf Biermann, in der unabhängigen Friedensbewegung, für die Aufklärung des Todes von Matthias Domaschk, in Solidarität mit den politischen Gefangenen. Als er in den 80ern dann in den Westen rübermachte, unterstützte er die Oppositionsbewegung von dort aus.

Deswegen habe ich Ende Februar 2017 per Mail Kontakt mit ihm aufgenommen. In Jena war gerade das Anarcho Infoblatt mit einem längeren Artikel zu Matthias Domaschk erschienen. Da lag es nahe, ihm eine Ausgabe zukommen zu lassen. So fingen wir an, über die DDR-Opposition und ihre Vereinnahmung durch den BRD-Staat zu sprechen. Ende Februar schrieb mir Blase dazu: „Übrigens wollte ich mich noch bedanken, dass du dir die Mühe gemacht hast, die Geschichtsschreibung der DDR nicht den konservativen Kräften zu überlassen. Denn es gab auch politische Entwicklungen auf die wir Stolz sein können und die wir als eigenes linkes Geschichtsbild vermitteln sollten.“ Um genau das zu tun, entstand die Idee, Blase im Juni 2017 nach Jena einzuladen und mit ihm eine Veranstaltung zum Thema zu machen.

Dazu sollte es nicht mehr kommen. Anfang März bekam ich eine letzte Mail von ihm und Ende Mai stolperte ich zufällig auf der Seite vom Matthias-Domaschk-Archiv auf seinen Nachruf. Dieser Nachruf hat mich sehr traurig, aber auch wütend gemacht. Denn wieder einmal wurde Blase nur als DDR-Oppositioneller hingestellt. Aber warum redet denn keiner davon, dass er in den 80ern im autonomen Kreuzberg gelebt und gekämpft hat? Dass er gleich nach der Wende nach Ostberlin gegangen und in das besetzte Haus Schreina 47 bzw. Villa Felix gezogen ist? Dass er noch 1990 bei Aktionen gegen die Wiedervereinigung und gegen Kohl dabei war? Dass ihm nicht nur der Kumpel Matthias Domaschk weggestorben wurde, sondern auch sein Kumpel Silvio Meyer umgelegt wurde und das in der ach so freien BRD von einem Neonazi? Dass er jährlich zu den Antifa-Gedenkdemos für Silvio Meyer gegangen ist? Dass er bis vor kurzem im ehemaligen besetzten Haus Köpi aktiv geblieben war?

Dieser Staat bastelt sich die ehemalige DDR-Opposition so, wie es ihm gerade passt. Zumindest Blase war aber jemand, der gegen jede Form von Herrschaft war – damals wie heute. Und das darf nicht unter den Teppich gekehrt werden. Deswegen habe ich diesen Nachruf auf Blase geschrieben, auf einen Menschen, den ich leider nicht wirklich kennenlernen konnte.

Wir waren für den freiheitlichen Sozialismus. Da gab es ein paar Ansätze beim Prager Frühling, wo es schon ein paar gute Grundideen gab. Und die haben uns alle ein ganz schönes Stück geprägt und da wollte man einen eigenen Weg suchen. Oder einen eigenen Weg entwickeln. […] Mehr Basisdemokratie und wo man einfach mal den Sozialismus ausprobiert, wo der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht die Macht. Das war die Zielstellung. Da waren aber die anderen schneller und besser wie wir, weil wir das erst lernen mussten und deswegen sind wir die Verlierer.“ (Blase in der Broschüre „Und die, die sterben, die werden weiter leben…“ über das Leben und den gewaltsamen Tod von Silvio Meyer, herausgegeben 2012 von der Autonomen Antifa Berlin)

 

 

 

Quelle: indymedia

Autor*in faud1

Mitglied der FAUD seit den 1990er Jahren, Mitglied der AFD (jetzt FdA) seit den 1990er Jahren, Gründungsmitglied der Anarchistischen Studierenden Initiative (AStI), Redaktionsmitglied des "Mühsam" - Zeitung des Bilddungssyndikates, Mitglied des Theater ohne Namens (ToN) und der Gruppe M.A.S.S.A.K.A. (Auftritte in Düsseldorf und Appelscha), Teil der Organisationsgruppe des I02 in Essen, Teil der Oragnisationsgruppe der libertären Mendienmesse 2010/2012/2014, Teil der FAUD-Akademie, Mitgründer der Schwarzroten Rad-/Wander*innen, Vortragsreisender (BRD, A, CH, SRB)

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