Kurt Wafner (* 25. November 1918 – † 10. März 2007)

Kurt Wafner wurde am 25. November 1918 auf dem Höhepunkt der deutschen Revolution in der Franfurter Allee in Berlin geboren. Seine Familie hatte ursprünglich den Namen Wawrzyniak und seine Vorfahren waren eine Mischung aus polnischem Adel und französischen Hugenottenflüchtlingen. Sein Vater starb Anfang 1923, und seine Mutter musste eine Existenz aufrechterhalten. Durch den Einfluss seines Onkels Bernard, eines Mitglieds der Weissensee Anarchist Federation, begann er mit dreizehn Jahren die anarchistischen Klassiker zu lesen. Der Verband war in mehreren Bezirken Berlins aktiv und organisierte öffentliche Versammlungen, Vorträge, Museums- und Theaterreisen sowie verschiedene Kampagnen. Viele seiner Mitglieder gehörten auch der anarchosyndikalistischen FAUD an. Es gab eine breite Mitgliedschaft in der Föderation mit Intellektuellen und Bohemiens neben Arbeitern. In dieser Hinsicht gab es wenig Spannungen, aber eher in Fragen der Strategie. Beispielsweise hatte Erich Mühsam während der Bayerischen Betriebsräte mit den Kommunisten zusammengearbeitet. Andere wie Herbert Wehner waren völlig gegen eine Zusammenarbeit.1 Hier lernte er einen der berühmtesten libertären Schriftsteller seiner Zeit, Theodor Plievier, kennen und kannte Mühsam, Ernst Friedrich [Begründer des Antikriegsmuseums] und den Anarcho -syndikalist Rudolf Michaelis. Mit vierzehn Jahren trat er der Freien Arbeiter Jugend (FAJ) in Berlin-Südost bei, die der Anarcho-Syndicalist Youth (SAJD) angegliedert ist. Es gab ungefähr 25 Leute in dieser Gruppe.

In den 1930er Jahren war er in einen Studentenstreik verwickelt, als der jüdische und sozialdemokratische Rektor seiner Hochschule entlassen wurde. Infolgedessen wurde Wafner ausgewiesen. Der Weissensee-Bund wurde Ende 1934 aufgelöst und konnte deshalb seine Ingenieurkarriere nicht fortsetzen. Nach der Machtübernahme der Nazis versuchte die anarchistische Jugend, weiterzumachen. Als das Jugendzentrum, in dem sie sich trafen, geschlossen wurde, trafen sie sich in Privathäusern. Sie begannen sich dann auf dem Land zu treffen, indem sie Wanderungen und Schmetterlingsjagden als Deckung nutzten. Sie schlossen sich der Brandenburgischen Wandergenossenschaft an. Dies wurde von lokalen Historikern organisiert und war tolerant gegenüber radikalen und antifaschistischen Gruppen. Dieser und der Bund Deutscher Kleingärtner dienten als Abdeckungen für Untertagetätigkeiten.

1939 wurde er in die Armee eingezogen und diente im Arbeitsdienst. Er hatte es gerade geschafft, Zugang zu einer Ingenieurschule zu erhalten, diese wurde jedoch vom Militärdienst abgebrochen. Im Sommer dieses Jahres wurde er wegen Sehschwäche vom Militärdienst befreit. Dies wurde jedoch später außer Kraft gesetzt und er musste dann in einer Artillerieeinheit in Frankfurt dienen. Seine Augenprobleme verschlimmerten sich und er erhielt Büroarbeit. 1941 wurde er nach Berlin geschickt, um französische Kriegsgefangene zu bewachen. Er hatte in dieser Zeit die Taktik des Guten Soldaten Schweik angewandt und so wenig wie möglich für die Kriegsanstrengungen getan. Leider änderte die Invasion der Nazis in Osteuropa all dies und er wurde gezwungen, an die Ostfront zu gehen. Während er auf einer Wiese saß, kam er mit einem anderen Soldaten ins Gespräch, Rudi Kuhn. Das Gespräch lief so ab: „Diktaturen führen zum Krieg“ … Wafner wagte zu sagen, man müsse auf Spione aufpassen. Rudi antwortete: „Können Sie sich eine Gesellschaft ohne Regierung vorstellen?“ „Wie Bakunin, Kropotkin oder …“, „Oder die anarchistische Union der FAUD?“. Kurt entdeckte, dass Rudi Schneider war und in der FAUD aktiv war. Er stieß auch auf zwei Mitglieder der Kommunistischen Partei in der Einheit. Sie wurden geschickt, um russische Kriegsgefangene in Minsk zu bewachen. Zusammen beschlossen sie, sich so menschlich wie möglich zu verhalten. Einer der Kommunisten ließ einige Gefangene fliehen, mit der Begründung, er sei betrunken gewesen. Er wurde von der Militärpolizei festgenommen und von der Gruppe nie wieder gesehen.

In dieser Zeit sammelte Kurt eine Sammlung von Fotos, einige von ihm gemacht, andere von Soldaten gekauft, die Zeugen der von den Nazis begangenen Gräueltaten waren: Partisanen, die an Schlingen hingen, russische Kriegsgefangene, die abgeschossen und in Massengräber gelegt wurden. Die Wehrmacht war daran nach Kurts Einschätzung ebenso schuld wie die SS und die Polizei.

Im Verlauf des Krieges unternahm Kurt weitere Anstrengungen, um auf eine Krankenliste gesetzt zu werden. Schließlich wurde er in ein Physiklabor bei Siemens verlegt. Hier stieß er auf Herbert Treschow, an den er sich von der FAJ erinnerte. So konnten sie unterirdisch tätig werden. Im August 1943 begann er eine Beziehung mit einer Frau. Das Kind, das sie kurz nach der Geburt gestorben waren.

Unter dem Regime in Ostdeutschland schloss er sich der Miliz und der Kommunistischen Partei an, unter Beibehaltung seiner anarchistischen Ideen. 1947 wurde er gebeten, sich der Geheimpolizei der Stasi anzuschließen, doch er lehnte dieses Angebot ab. Wenig später erkrankte er an Tuberkulose und musste die Miliz verlassen, bevor er zum Bibliothekar ausgebildet wurde. 1950 verließ er die Partei. Er arbeitete in verschiedenen Berufen als Herausgeber, Leiter der Roman-Zeitung, der wöchentlich serialisierte Romane veröffentlichte, als Hörspielautor und Journalist, war sich jedoch der Macht der staatlichen Zensur stets bewusst. Er verlor einen Job beim Verlag der Gesellschaft für sowjetisch-deutsche Freundschaft, weil er sich weigerte, der Partei zu folgen.

Mit dem Mauerfall 1989 knüpfte Kurt Kontakt zur deutschen anarchistischen Bewegung und schrieb mehrere Artikel über seine persönlichen Erfahrungen. Im Jahr 2000 veröffentlichte er seine Autobiografie My Life as a Book Lover and Anarchist. Er starb am 10. März 2007.

Nick Heath

Quellen: Interview mit Kurt Wafner: www.faubern.ch/_texte/Interview%20Wafner.doc
Kurt Wafner, il cacciatore di farfalle von Hans Müller-Sewing. www.centrostudilibertari.it/index.php/…/162-bollettino-32.html

1. Wehner (1906-1990) wechselte 1927 zu den Kommunisten und wechselte nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Sozialdemokraten (SPD) und wurde führender Bundestagsabgeordneter, Bundesminister für gesamtdeutsche Angelegenheiten im Christentum Demokratisch-sozialdemokratische Koalition von 1966 und dann Vorsitzender der Fraktion der SPD unter der Regierung Brandt.

Karl Gültig (* 20. November 1906 – † 4. April 1992)

Geboren am 20.11.1906 in Offenbach am Mein (Bürgel), geriet Karl Gültig schon als Jugendlicher mit der Arbeiterbewegung in Berührung. Zunächst Mitglied der „Kommunistischen Jugend“ (KJ) innerhalb der KPD, lernte er 1923 Georg Usinger (1900-1990), Mitbegründer der Offenbacher Ortsgruppe der „Freien Arbeiter Union Deutschlands“ (FAUD), kennen. Durch ihn gelangte er in Kontakt mit anarchosyndikalistischen Kreisen und betätigte sich seit Mitte der 20er Jahre vor allem in der anarchosyndikalistischen Jugendorganisation „Syndikalistisch-Anarchistische Jugend Deutschlands (SAJD). Daneben engagierte er sich auch in der atheistischen und föderalistischen Gemeinschaft Proletarischer Feidenker. Die praktische Wirkung der Offenbacher libertären Bewegung umfaßte vor allem öffentliche Aufklärung und Bewußtseinsbildung: wöchentliche Gruppenzusammenkünfte, öffentliche Versammlungen, Lesungen, Vorträge (Rudolf Rocker, Emma Goldman, Augustin Souchy, Erich Mühsam, Theodor Plievier), Herausgabe der Zeitschrift „Junge Anarchisten. Organ der Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands“, Antimilitarismus, Kampagnen (z.B. zur Verhinderung des Todesurteils gegen Sacco und Vanzetti). Daneben bestanden enge Verbindungen zu anarchosyndikalistischen Organisationen in Darmstadt (Kontakt: Gustav Doster), Frankfurt am Main (Anni und Georg Hepp), Mannheim (Karl Schild), Ludwigshafen, Münster und Wiesbaden. Dabei schuf sich der gelernte Schreiner und Dachdecker Karl Gültig rasch einen Namen als geschätzter und begabter Debattenredner. So nutzte er jede Gelegenheit zum politischen Disput mit Menschen unterschiedlicher Weltanschauung: Kommunisten, Sozialdemokraten, Geistliche – sogar auf Versammlungen der aufkommenden Nazi-Bewegung zu Anfang der 30er Jahre erhob er seine Stimme.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bedeutete auch für die anarchosyndikalistische Bewegung im Rhein-Main-Gebiet eine deutliche Zäsur. Organisierte Widerstandsaktionen gegen die NS-Diktatur nach 1933, an denen sich auch Karl Gültig beteiligte, gelangten nicht über Fluchthilfe, illegalen Zeitschriftenvertreib und einige geheime Zusammenkünfte hinaus. Der im Sommer vor dem Volksgerichtshof in Darmstadt angestrengte Prozeß gegen sieben Angeklagte wegen organisierter Widerstandstätigkeit der verbotenen FAUD in Südwestdeutschland (Anni und Georg Hepp, Karl Schild u.a.) endete mit hohen Zuchthausstrafen. Karl Gültig hatte Glück: Anfang 1935 verhaftet, erlitt er nur wenige Wochen Freiheitsentzug. Weil ihn niemand verriet, und ihm daher nichts Konkretes nachgewiesen werden konnte, wurde er schließlich freigesprochen. Nach seiner Rückkehr aus jahrelanger russischer Kriegsgefangenschaft in Karaganda (Kasachstan) Ende 1949 – dort arbeitete er als Berg- und Bauarbeiter und wirkte mit im dortigen, um politische Aufklärung bemühten Antifa-Komitee -, trat er Anfang der 50er Jahre der KPD (später DKP) und der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) bei. Organisatorische Zusammenhänge unter deutschen AnarchistInnen existierten damals kaum. In seinem Herzen blieb Karl Gültig allerdings stets ein libertärer. Seit den 50er Jahren engagierte er sich in der Ostermarschbewegung. Die weltweite, vor allem studentische Jugendrevolte Mitte der 60er Jahre begleitete er mit hoffnungsfroher Offenheit. Auch an den sogenannten „Neuen Sozialen Bewegungen“ der letzten zwanzig Jahre nahm er lebhaften Anteil. Sein aufgeschlossener Humanismus bewahrte ihn vor Engstirnigkeit und Dogmatismus.

Seitdem ich ihn und seine Frau Elise zusammen mit einigen Freunden Anfang 1988 kennenlernte, regte uns Karl Gültig bei allen Besuchen durch seinen unverbrauchten Optimismus an. Bis zuletzt legte er besonderen Wert auf intensiven Kontakt zur Jugend. Bedauerlicherweise fand die Begegnung mit ihm wie auch mit anderen „großelterlichen“ Libertären viele Jahre zu spät satt. Auch wenn ihm mit zunehmendem Alter bewusst war, dass er selbst wohl nicht mehr die herrschaftslose und freiheitliche Gemeinschaft erleben werde, ermutigte er seine GesprächspartnerInnen, in diesem Streben fortzufahren. So bezeugte uns Karl Gültig, gerade aufgrund seiner lebensbiographischen Erfahrungen, dass es darauf ankommt, sich weder von der bestehenden Machtordnung noch von dem subjektiven Gefühl eigener, vermeintlicher Machtlosigkeit entmutigen zu lassen.

Siegbert Wolf

Aus: Schwarzer Faden, Heft 2 (1992)

Marietta aka Etta Federn (* 28. 1883- † 1951)

Etta Federn

Etta Federn wurde am 28. April 1883 in Wien als jüngste Tochter einer assimilierten jüdischen Familie geboren. Sie war die Tochter der Suffragette Ernestine Federn und des Arztes Salomon Federn und die Schwester von Paul, der Analytiker wurde, Karl, der Anwalt und Schriftsteller wurde, und Walter, der Journalist.

Sie hatte eine Ausbildung auf Augenhöhe mit ihren Brüdern. Sie studierte Literaturgeschichte, deutsche und griechische Literatur. Nach ihrem Abschluss begann sie, Deutsch und Philosophie zu studieren. Darüber hinaus erhielt sie eine breite Ausbildung in Fremdsprachen.

Sie trennte sich von ihrer Familie und zog nach Berlin, wo sie ihr Studium mit einer Arbeit über Faust abschloss. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt dort zunächst als Lehrerin und dann als Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen, Dänischen, Russischen und Jiddischen. Sie übersetzte Alexandra Kollontai, Hans Christian Anderson und Shakespeare.

Sie arbeitete als Literaturkritikerin für das Berliner Tageblatt. Sie veröffentlichte viele Biografien, darunter die von Dante und Goethe. Gleichzeitig begann sie, Essays, Biografien, Autobiografien, Geschichten, ein Theaterstück und Gedichte zu schreiben. Sie heiratete zweimal, beide Ehen endeten in einer Trennung.

Sie nahm Kontakt mit der anarchistischen Bewegung in Berlin auf und begann, sich an den Aktivitäten der FAUD (Freie Arbeiter Union Deutschlands) zu beteiligen, die regelmäßig Artikel für ihre Presse verfasste. Sie begann, viele Freunde in dieser Bewegung zu finden.

Die anarchistische Bewegung in Berlin zog in Ettas eigenen Worten viele „selbstmotivierte jüdische Frauen an, die ihre intellektuelle, emotionale und politische Unterstützung für die Ideen der sozialen Revolution, der freien Bildung, der Bedeutung der Kulturarbeit, der Frauenemanzipation und der Bedeutung von Solidarität und Solidarität anboten verantwortungsbewusstes Verhalten “.

Sie lernte unter anderem Emma Goldman, Mollie Steimer und Sonia Flechin kennen. Insbesondere mit Rudolf Rocker und Milly Witkop pflegte sie ein Leben lang eine enge Freundschaft. Sie beteiligte sich aktiv an der von der FAUD gegründeten Frauenorganisation des Syndikalistischen Frauenbundes (SFB).

Sie erhielt Morddrohungen von den Nationalsozialisten aufgrund ihrer 1927 veröffentlichten Biographie des von rechten Offizieren ermordeten liberalen Politikers Walter Rathenau. Außerdem übten die Reaktionskräfte Druck auf die Zeitungen und Verlage aus, für die sie normalerweise schrieb , so dass ihre Einnahmequellen versiegten.

Sie verließ Deutschland 1932 mit ihren beiden Söhnen im Alter von 49 Jahren nach Barcelona. 1933 wurden ihre Bücher bei den öffentlichen Nazibuchverbrennungen zerstört und sie wurde auf die schwarze Liste der Nazis gesetzt.

In Barcelona wurde sie weiterhin von den noch in Berlin lebenden anarchistischen Kreisen unterstützt und konnte die später nach Berlin flüchtenden wieder aufnehmen. Sie konnte sich schnell an Barcelona gewöhnen, schrieb innerhalb weniger Wochen Artikel für die spanische Presse und begann Katalanisch zu lernen. Sie blieb jedoch finanziell angeschlagen und musste sich auf kleine, aber regelmäßige Geldtransfers von ihren nahen Verwandten in den USA verlassen.

Während der spanischen Revolution schloss sie sich im Juli 1936 der anarchistischen Frauenbewegung Mujeres Libres (Freie Frauen) an. Sie unterrichtete Literatur, Sprache und Bildung im Kulturzentrum, das von Mujeres Libres, dem Haus der Arbeiterinnen, gegründet wurde Lehren des spanischen libertären Pädagogen Francisco Ferrer.

Später, im Jahr 1937, gründete sie in Zusammenarbeit mit Mujeres Libres vier libertäre Schulen in der katalanischen Stadt Blanes. Diese Schulen, deren Direktorin sie war, bildeten Lehrer aus und unterrichteten Kinder. Sie waren koedukativ und orientierten sich am Atheismus und Antimilitarismus. Sie sollten eine angstfreie, anregende und fürsorgliche Atmosphäre für Kinder schaffen.

Im Mai 1937 kehrte sie nach Barcelona zurück und ließ ihr Buch Mujeres de las Revoluciones, das biografische Skizzen von zwölf berühmten Frauen enthielt, bei Mujeres Libres veröffentlichen.

1938 reiste sie wegen der massiven Bombenangriffe auf Barcelona mit ihren beiden Söhnen nach Paris.

Zwischen 1940 und 1945 zog sie nach Lyon. Sie war inzwischen körperlich völlig erschöpft und manchmal schwer krank. Trotzdem engagierte sie sich in der Widerstandsarbeit durch Übersetzungen, Propagandaarbeit und Organisation.

Ihr ältester Sohn Hans starb 1944 bei den Kämpfen bei Vercors. Paradoxerweise hatte sie deshalb Anspruch auf die französische Staatsangehörigkeit und eine kleine monatliche Rente, obwohl sie bis zu ihrem Tod in Paris am 9. Mai 1951 in Armut blieb.

Sie spielt als literarische Persönlichkeit in einem Roman des schwedischen Anarchisten Stig Dagerman (der die deutsche Anarchistin Annemarie Goetze geheiratet hatte), Skuggen av Mart (Stockholm 1947) und in Utan Vaiaktig stad (Stockholm 1948) den Roman eines anderen schwedischen Schriftstellers, Arne Fosberg.

Nick Heath

Quellen: https://libcom.org

Czakon, Paul (* 14. Juli 1897 – † 1952) aka Max aka Maximo Mas

Paul Czakon wurde am 14. Juli 1897 in Neider-Heiduk geboren. Er arbeitete als Bergmann und Schlosser. Czakon war seit 1921 Vorsitzender der FAUD in Beuthen (heute Bytom) in Oberschlesien und gehörte 1930 zu den Gründern der Schwarzen Scharen in der Region. Bei einer Hausdurchsuchung im Mai 1932 entdeckte die Polizei den Waffen- und Sprengstoff-Cache der Gruppe. Czakon floh mit zwei weiteren Kameraden, Alfons Molina und Bernhard Pacha, nach Spanien. In seiner Abwesenheit im März 1933 wurde er wegen Hochverrats und Sprengstoffbeschuldigungen zu 15 Jahren Haft verurteilt. Czakon, der in Spanien unter dem Namen Maximo Mas firmierte, war verantwortlich für das Artillerie-Bataillon Sacco und Vanzetti in der anarchistischen Milizkolonne Tierra y Libertad. Im September 1936 kämpfte er mit der Kolonne in Madrid und im Frühjahr 1937 in Cuenca an der Teruel-Front.

Auf der Flucht nach Frankreich mit dem Zusammenbruch der Republik wurde er im Internierungslager Gurs inhaftiert, wo er einer der Sprecher der 9. Kompanie war, die sich der Dominanz der kommunistischen Freiwilligen im Lager widersetzte. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs schloss sich Czakon einer Militäreinheit im Widerstand an. Er kehrte nach Deutschland zurück, wo er mit seiner Frau, die am Ende des Krieges in ein Konzentrationslager gebracht worden war, wieder vereint wurde. Um einer Verhaftung zu entgehen, floh er aus der sowjetischen Besatzungszone nach Salzgitter, wo er 1952 in extremer Armut starb.

Quellen: Internationalismus im Dreiländereck von Dieter Nelles

Anna Götze (* 06. April 1875 – † 18. Juli 1958)

Anna Götze wurde am 6. April 1875 geboren. Sie war von 1897 bis 1917 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und mit Kriegsende und Revolution eine der Gründerinnen des Spartakusbundes. Anfang der 1920er Jahre wechselte sie zu einer klaren anarchistischen Position und trat der FAUD bei. Sie arbeitete als Ordner in der Druckindustrie.

Sie hatte drei uneheliche Kinder. Ihr Sohn Ferdinand Götze, bekannt als Nante, und ihre Tochter Irma waren ebenfalls in der FAUD aktiv, während ihr anderer Sohn Waldemar in der KPD (der offiziellen deutschen Kommunistischen Partei) militant war. Dies führte zu heftigen Auseinandersetzungen in der Familie, obwohl Waldemar später bereit war, mit dem Rest der Familie bei Untergrundarbeiten zusammenzuarbeiten.

Anna hatte eine emanzipierte Einstellung zur Sexualität. Der Anarchist Karl Brauner sollte bezeugen, wie beeindruckt er von der Art und Weise war, wie Anna mit ihrer Tochter über sexuelle Angelegenheiten sprechen konnte.

Nach dem Aufstieg Hitlers war Anna in den unterirdischen FAUD-Netzwerken aktiv. Ihre Wohnung in Leipzig war eines der Zentren dieser Netzwerke.

Sie wurde zum ersten Mal 1935 und am 1. Oktober 1937 erneut verhaftet. Am 12. April 1938 wurde sie zu drei Jahren Haft verurteilt, die sie im Waldheimer Gefängnis verbüßte. Sie wurde im KZ Ravensbrück inhaftiert, wo auch ihre Tochter Irma inhaftiert war. Beide konnten von dort fliehen, als die Nazis im April 1945 mit dem Todesmarsch der Häftlinge begannen.

Ihr Sohn Waldemar konnte in die Sowjetunion fliehen und wurde dort höchstwahrscheinlich von den Stalinisten ermordet.

Nach dem Krieg traten Anna und ihre Tochter Irma der SED bei, ebenso wie viele andere überlebende Leipziger FAUD-Mitglieder wie Karl Brauner, Richard Theide und Paul Helberg.

Sie starb am 18. Juli 1958.

Quelle: https://libcom.org/ (aufgerufen 09.12.2019)

PS:
Annemarie Götze, das Enkelkind von Anna Götze, heiratete schließlich Stig Dagerman, den wahrscheinlich bekanntesten anarchosyndikalistischen proletarischen Schriftsteller Schwedens.

Ihre Mutter war eines von drei Kindern von Anna Götze; da waren Ferdinand und Irma, beide Anarchisten, und der jüngere Bruder Waldemar, der sich den Kommunisten anschloss. Ferdinand lernte seine zukünftige Frau Elly in der deutschen libertären Jugendbewegung kennen. Als ihre Tochter Annemarie 1924 geboren wurde, lebte die ganze Familie in Annas Haus, und obwohl politische Meinungsverschiedenheiten oft zu heftigen Diskussionen führten, hielt die unmittelbare Gefahr des Aufstiegs der Nazis zur Macht die Familie zusammen.

Nach der Machtübernahme Hitlers floh die Familie nach Spanien – 1934 ließ sich Elly Götze in Barcelona nieder und überließ Annemarie ihren Großeltern, bis sie 1935 zu ihr stieß. In Barcelona engagierte sich die Familie im DAS – den Deutschen Anarcho-Syndikalisten im Ausland – und als Annemarie 2012 interviewt wurde, erinnerte sie sich noch daran, wie sie zusammen mit Emma Goldman die Beerdigung von Durruti miterlebte.

Als Barcelona fiel, gelang es der Familie zu fliehen und sie landete zuerst in Norwegen. Als die Wehrmacht 1940 einfiel, rang sie nach der schwedischen Grenze. Nachdem der Bus, in dem sie saßen, von Nazis beschossen worden war, gelang es nur der jungen Annemarie, die Grenze zu überqueren. Es gelang ihr, Kontakt mit dem SAC aufzunehmen, und dank der Gewerkschaft wurden ihre Eltern schließlich aus den staatlichen Internierungslagern für Flüchtlinge entlassen, die sie nach ihrer endgültigen Überquerung der Grenze einsetzten.

Wie im obigen Artikel erwähnt, war der Rest der Familie im KZ Ravensbrück interniert worden. Ferdinand, Elly und Annemarie blieben in Schweden, wo sie in der syndikalistischen Bewegung sehr aktiv wurden. Ich denke, ich sollte das etwas gründlicher aufschreiben.

Das Interview von Herranz und Lindblom, das zuvor im Mai 2012 in Arbetaren veröffentlicht wurde, enthält viele großartige Informationen – http://anarkism.nu/pa-liv-och-dod-i-katalonien/

Stefan Bellmann (* ? – † 19. März 1949)

Als Antimilitarist im Ersten Weltkrieg beteiligte sich Stefan Bellmann als Mitglied des Spartakusbundes aktiv an der Streikbewegung. Später beteiligte er sich am Spartakus-Aufstand im Winter 1918 und am Aufstand gegen den Kapp-Putsch im März 1920. Als Antiparlamentarier und Antikapitalist musste er als politischer Flüchtling an die Ruhr fliehen. Dort nahm er an den Aktivitäten der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) teil, der einst 12.000 Mitglieder im Ruhrgebiet angehörten. Während des Zweiten Weltkriegs setzte er die illegale Untergrundbewegung fort.
Er starb am 19. März 1949

Quellen: Freedom 11. Juni 1949

Heinrich Hellmann (* ? – † 7. Februar 1948)

„Vielen als großartiger Kamerad und Freund bekannt“, verlor Heinrich sowohl seinen Vater Wilhelm als auch seinen Bruder Willi, der 1920 während des Ruhraufstands getötet wurde. Aktiv in der Ruhr-FAUD. Seine Mutter Rosa war ebenfalls eine aktive Anarchistin und wurde zusammen mit ihrem Gefährten Karl Börder und ihrem Sohn festgenommen, als Hitler an die Macht kam. Er wurde in der Freedom Notice zu seinem Tod (7. Februar 1948) als einer der wenigen anarchistischen Bergleute im Ruhrgebiet beschrieben, die noch übrig waren. Er starb bei einem Bergbauunfall. Er war im Ruhrgebiet beliebt und bekannt, wie Tausende bezeugen, die sich seinem Bestattungszug anschlossen

Quellen: Freedom 11. Juni 1949

Deutschland: Streik der syndikalistischen Fliesenleger in Düsseldorf

Vorgeschichte des Kampfes:
Nachdem seit Oktober 1931 der tariflose Zusatnd
für das Fliesengewerbe in Düsseldorf u. Umgebung
Wirklichkeit wurde und zwar deswegen weil es die
Unternehmer ablehnten, die von den Kollegen geforderte
Tarifsicherheiten und Granatien anzuerkennen,
machten sich innerhalb des Tarifgebietes
Düsseldorf Zustände breit und nahmen diese Zustände
Formen an, die man kurz betitelt mit –Unhaltbar-.
All die Errungenschaften seit Bestehen der
syndikalistischen Fliesenlegerorganisation 1901,
schienen beseitigt. Niemals und wenn die Arbeitslosigkeit
noch so scharfe Formen angenommen hätte,
wäre es den Unternehmern gelungen, die Kollegenschaft
solche Anerbieten zu machen, wenn nicht
hier wiederum die Bürokraten der reformistischen
und der christlichen Bauarbeiter-Organisation,
helfend im trauten Verein mit dem Syndikus der
Arbeitgeber-Verbände, die Düsseldorfer-PlattenFirmen
helfend beigesprungen wären. Was schert
diese Arbeiter-Vertreter, wenn dadurch auch ihre
eigne Mitgliedschaft, von deren Beitragsgroschen
sie ihr Drohnen-Dasein fristen, auf den Hund kommen.
Gerade diese Bürokraten waren es, welche den
tariflosen Zustand herbeiführten, indem sie die
Erklärung abgaben – einen solchen Tarif- wie ihn
die Düsseldorfer syndikalistischen Fliesenleger forderten
ablehnen zu müssen. Durch diese Erklärung
nahmen dann im Oktober 1931 die Arbeitgeber
ihre schon erfolgte Zusage zurück und da die Kollegen
erkannt hatten, das ohne diese geforderten
Sicherheiten, ein Tarifabschluß nur ein Mittel zur
Korruption sein kann, blieb man lieber tariflos. Die
Unternehmer ermutigt durch diesen erfolg, nutzten
nun die zum Dauerzustand gewordene Notlage
der Arbeiter aus und drückten durch systematische
Aussperrung aller unbequemen Geister, den Lohn
derart, das Löhne zur Auszahlung gelangten, welche
um das Jahr 1905 gezahlt wurden. Die Spaltung
der Kollegen in drei Organisationen Syndikalisten,
Reformisten und Christen, trug viel zur Schaffung
dieses Zustandes bei. Nur so ist es zu verstehen,
das die Düsseldorfer Fliesenleger, welche bis dahin
unter Führung der syndikalistischen Organisation
eine Spitzen-Position eingenommen hatten, auf
solchen Tiefstand gelangen konnten. Unsere Ka-meraden setzten sofort als die Lage immer unhaltbarer
wurde ihre besten Kräfte zur Schaffung einer
gemeinsamen Abwehrfront ein. Vorerst mit wenig
Erfolg, bis es endlich gelang im September des Jahres
1932 alle in Düsseldorf befindlichen Fliesenleger
ganz gleich welcher Organisationszugehörigkeit
zusammen zu bringen. In dieser Versammlung
wurde nach einem Referat unseres Kollegen C.
Windhoff die alte Forderung, Schaffung der tariflichen
Sicherheiten, Verteilung der vorhandenen
Arbeiten für alle in Düsseldorf sesshaften Kollegen
einstimmig gutgeheißen und neu aufgestellt. Die
Unternehmer wurden danach aufgefordert Stellung
zu diesen Forderungen zu nehmen u.s.w.
Um diese Forderungen der Düsseldorfer Kameraden
mehr Kraft zu versetzen, wurde die Verbindung
mit den umliegenden Städten, wie Cöln und
andere mehr aufgenommen, da dort dieselben
wenn nicht noch weit schlimmere Verhältnisse
eingerissen waren. Doch wieder waren es die Angestellten
des Deutschen Baugewerksbundes und
die Vertreter des Christentums aus den christlichen
Gewerkschaften, die ihren Kollegen die Erklärung
abgaben, für die syndikalistischen-Windhoff-Forderungen
setzen sie sich nicht ein und erzielten dadurch
tatsächlich in Cöln/Rhein, das Unterbleiben
einer Kampfstellung.
Ungeachtet dessen, benutzten die Düsseldorfer
Kameraden, die in ihrem Bereich hergestellte
Einheit der Arbeiterschaft und traten, da die Unternehmer
gestützt auf die Haltung der genannten
Arbeitervertreter es ablehnten die Forderungen
der Kollegen anzuerkennen mit dem 1.10. in den
Streik.
Die Streiklage:
Einmütig traten am 3.10.32 die Kollegen soweit sie
in Arbeit standen in den Kampf. Durch zwei größere
Bauplätze-Krankenhausum- und –anbau, sowie
bei den Persil-Werken, konnte die Forderung der
Fliesenleger größerer Nachdruck verliehen werden.
Denn von den insgesamt 36 streikenden waren
auf diesen genannten Baustellen allein 26 Mann in
Arbeit. Der Schlag war gelungen, die Arbeitslosen,
die zum Teil schon mehr wie ein Jahr aus dem Produktionsprozeß
ausgeschaltet waren, unterstützten
einmütig die Forderungen der streikenden Kollegen.
Die Hoffnung der Unternehmer und der Verbandsangestellten,
das diese arbeitslosen Kollegen
ihre streikenden Brüder in den Rücken fallen werden,
ist fehlgeschlagen. In dieser Einmütigkeit lag
ein beachtenswerter Erfolg, der um so höher eingeschätzt
werden muß, wenn man die ungeheuere
Notlage der deutschen Arbeiterschaft durch die
Wirtschaftskrise bedingt kennt. Der Kampfgeist ist
gut und schon vielen die Herzen der Unternehmer
in die Hosen, doch der Syndikus, diese besondere
Menschenart von Juristen springt ein, nachdem bereits
nach anderthalb Wochen die erste Plattenfirma,
die größte in Düsseldorf, durch die kurze Dauer
des Kampfes in Konkurs ging. Die Unternehmer
wandten sich nun jammernd an die Architekten
und Bauherren von Düsseldorf und Umgebung
und verlangten deren Hilfe bei dem Kampf gegen
die dreimal verfluchten Fliesenleger. Doch unsere
Kameraden nahmen geschickt diesen Schlag auf
und wandten sich nun ihrerseits an die Architekten
und Bauherren mit einer Flugschrift folgenden Inhaltes:

An die Herren Architekten.
Bauunternehmer und Bauherren!
Nach uns zugegangenen Informationen sind die Plattengeschäfte in Düsseldorf und Neuß an die Bauherren und Architekten mit der Bitte herangetreten, keinerlei Plattenarbeiten durch erwerbslose oder streikende Fliesenleger ausführen zu lassen. Hierzu gestatten wir uns folgendes zu sagen:
1) Wir lehnen jede Schwarzarbeit grundsätzlich ab.
2) Solange die hiesigen Plattengeschäfte unsere grundsätzlichen Forderungen – Tarifsicherung und Arbeitsteilung – respektiv abwechselnde Beschäftigung unserer erwerbslosen Kollegen – ablehnen, solange lehnen wir jede Arbeitsleistung für solche Plattengeschäfte strikt ab.
3) Wir sind bereit, von Fall zu Fall nach erfolgter
Prüfung jeden uns von Bauherren, Architekten,
Privaten und Behöreden erteilten Arbeitsauftrag
auszuführen, wenn man unsere grundsätzlichen
Forderungen anerkennt.
4) Bei allen von uns übernommenen Arbeiten werden
die dabei tätigen Fliesenleger ordnungsgemäß zur Kranken-Invaliden- und Unfall-Versicherungangemeldet, um jede Schwarzarbeit zu bekämpfen.
5) Als Facharbeiter sind wir weit besser in der Lage, für korrekte Ausführung und Haltbarkeit zu garantieren,
als wie die Inhaber der Plattengeschäfte. Die doch zu 9 Zehntel gelernte Kaufleute sind. Zudem ist ja jede zugesagte Garantie hinfällig, sobald das Plattengeschäft Pleite macht.

Düsseldorf, den 12. Oktober 32.
Die gemeinsame Lohnkommission der Fliesenleger

Die damit bedingte Festlegung der Streikführung
und die damit geschaffene Gewähr einer weiteren
Einheitsfront, ließ nun die Bürokraten der Reformisten
und des Christentums nicht mehr ruhig
schlafen und ihrer Anschauung getreu schritten sie
zum Verrat.
Die Arbeit der Verräter:
Um die Einheit des Kampfes zu beseitigen schufen
die Angestellten des sogenannten freien Baugewerks-Bundes
und der Christen einen Pakt mit
dem Syndikus der Arbeitgeber und dem Arbeitgeber-Bund,
um mit allen Mitteln den Streik abzuwürgen.
Hinter dem Rücken der Streikenden, ohne
jede Fühlungnahme mit ihren Mitgliedern – welche
gemeinsam die Streikleitung stellten, schlossen sie
mit dem Arbeitgeberbund und Anrufung des amtlichen
Schlichters einen Tarif ab, welcher nicht im
mindesten die Forderungen der Belegschaften und
Kollegen Rechnung trägt.
Danach forderten sie ihre Mitglieder auf, den
Kampf einzustellen, da sie sonst nicht mehr den
Streik durch die Gewerkschaften finanzieren, auch
würden sie Mithilfe des Arbeitsamtes die Sperre
über die nicht gehorchenden Kollegen verhängen.
Was gleichbedeutend ist, das diejenigen Fliesenleger,
welche arbeitslos sind, während der Dauer des
Streiks keine Arbeitslosenunterstützung erhalten.
Durch diesen Verrat glaubten sie den Willen der
Streikenden gebrochen zu haben. Doch die Fliesenleger
ließen sich durch die Erfahrungen des nun
schon 4 Wochen andauernden Kampfes nicht einschüchtern.
In einer gemeinsamen Versammlung forderten sie von den Angestellten ihrer Organisationen
Rechenschaft über ihren Verrat. Tatsächlich
besaß der Angestellte des deutschen Baugewerksbundes
Schorgel-Düsseldorf die Unverfrorenheit,
in die Versammlung zu kommen und verlangte
dort, von den Kollegen die dem D.B.B. als Mitglieder
angehören, das sie den Streik abbrechen
und sich im Verlauf einer sich dadurch notwendig
machenden Abstimmung über die Weiterführung
des Streikes nicht mitzustimmen.
Es erübrigt sich darauf hinzuweisen, dass sich dieser
Mann eine eklatante Abfuhr holte. Das solche
jämmerlichen Figuren überhaupt den Mut besitzen,
ihren Verrat offen vor einem Forum Streikender zu
verteidigen, dürfte am besten beleuchten, wie wenig
eigne Courage sie ihrer Mitgliedschaft zutrauen.
Doch hier hatte sich der Mann verrechnet. Die
Mehrheit der Streikenden stimmte für Weiterführung
des Kampfes. Lediglich 5 Mann enthielten
sich der Stimme. Unsere Kameraden erkannten
sofort die Gefahr die kommen musste, wenn jetzt
nicht mit allen Mitteln vorgegangen wird. Denn es
ist schon immer ein Teil Wahrheit an alten Sprichwörtern,
die da besagen, „Wie der Herr, so das Gescherr“.
So zeigte sich auch hier, das Menschen mit
wenig Ehrgefühl und Rückgrat genug auf der Welt
herum laufen, noch dazu wo von Seiten einer korrumpierten
Sorte, die sich Arbeiter-Vertreter nennen,
diese jämmerliche Haltung Streikbrecher zu
werden, belohnt wird mit der Anerkennung brave
Genossen zu sein. Genug davon, die Kameraden in
Düsseldorf, die nun in der 4. Woche streiken, bleiben
zusammen. In einem Flugblatt an „Alle Bauarbeiter“
schilderten sie den Verrat, der Bezirksleiter
Chr. Ahrens-Cöln und des Angestellten, Vorsitzenden
des D.B.B. Düsseldorf K. Schorgel, sowie
des christlichen Angestellten C. Sauer. Sie sagten
in diesem Flugblatt der Öffentlichkeit, das diese
„Herren“ durch die Drohung der finanziellen Sperre
in der Unterstützung wie beim Arbeitsamt sich
9 Fliesenleger des D.B.B. und zwei der Christen
als Streikbrecher in den Dienst der Unternehmer
gestellt haben. Durch besonderen Hinweis, das in
diesem und jenem Hause Streikbrecher mit Namen
genannt arbeiten, erhoffen sie durch die Solidarität
der übrigen Bauarbeiterschaft diese feigen Gesinnungslumpen
zu beseitigen. Der Kampf wurde
trotz dieser Infamie weiter geführt. Dadurch
gedemütigt und sich um ihren Erfolg betrogen
sehend, wandten sich die „Vereinigten“ Bundesgenossen
an das „Landesarbeitsamt“, um ja nichts
unversucht zu lassen, den Kampf der nach wie vor
unter Führung der Syndikalisten liegt, das Genick
zu brechen. In der 6. Streikwoche erhielten dann
auch einige Kollegen unserer Organisation eine
Drohung durch das Landesarbeitsamt zugesandt,
mit dem Vermerk, einer größeren Geldstrafe oder
6 Wochen Gefängnis bestraft zu werden, wenn die
Freie Vereinigung der Fliesenleger auch fernerhin
Arbeitskräfte vermittelt, ohne dazu das Landesarbeitsamt
zu benutzen. Nun unsere Kollegen ließen
sich nicht einschüchtern und hatten sehr schnell
herausgefunden, wer diese Kampfesart zur Erledigung
des Streiks ausgetipt hat. In einer Beschwerde
über die Strafandrohung wird um Klarstellung
dieser Angelegenheit ersucht. Eine Antwort darauf
ist noch nicht eingetroffen. Der Kampf geht ungebrochen
weiter.

Streik in Essen:

Durch den Streik der Düsseldorfer ermutigt, haben auch die Kameraden in Essen, sich zum Streik ermutigen lassen. Da hier unsere Kollegen als Syndikalisten in der Minderheit sind, schufen sie eine „Treugemeinschaft“ mit den Kollegen des D.B.B. und der Christen. Wie die Nachricht verlautet, stehen hier die Angestellten zur Zeit noch auf der Seite der Streikenden.
Der Kampf in Düsseldorf, der nun bereits 8 Wochen andauert, hat die vollste Unterstützung aller syndikalistischen Genossen und hoffen wir mit den Streikenden, das der Kampf mit Erfolg gekrönt
werde. Über den weiteren Verlauf wird das Sekretariat die Länder auf dem laufenden halten.
– W.M. –

Nachtrag zum Düsseldorfer FliesenlegerStreik:

Bereits bei Fertigstellen des Pressedienstes erhalten wir die Nachricht, das der Streik trotz seiner hoffnungsvollen Ansätze nach fast 8 wöchiger Dauer, durch der Verrat der vereinigten Reformisten, Christen und Unternehmer, sowie mit Hilfe des Staatsapparates aufgehoben werden musste. Damit ist aber, wie die Meldung besagt, der Kampf nicht beendet, sondern wird mit anderen Mitteln weiter geführt. Der Pressedienst wird in der nächsten Nummer näher darauf eingehen. –K–
• Presse-Dienst des ISBF, Jahrgang II, November 1932,
Nummer 7 [6 hektografierte A 4 Seiten]

In der Kampflinie – Warum haben die Fliesenleger in Düsseldorf die Arbeit eingestellt?

Die Lage bei den Fliesenlegern
Seit rund 30 Jahren sind die Fliesenleger eine der
bestorganisierten Gruppen im Baugewerbe und haben
es verstanden, sich im Laufe der langen Jahre,
besonders im Tarifbezirk Düsseldorf-Neuß, einigermaßen
annehmbare Lohn- und Arbeits-bedingungen
zu erkämpfen.
Abgesehen von einzelnen Ausnahmen waren
die Unternehmer immer bestrebt, die Tarifsätze zu
drücken.
So lange eine halbwegs gute Baukonjunktur bestand,
haben die Fliesenleger sich immer energisch
und mit Erfolg gegen die geplanten Lohnherabsetzungen
gewehrt.
Als aber dann die Baukonjunktur in den Jahren
1929 bis 1931 immer schlechter wurde, als es zur
Massenerwerbslosigkeit kam, da nutzten die Unternehmer
ihre wirtschaftliche Macht gegenüber
den Arbeitern rücksichtslos aus.
Entgegen den klaren Bestimmungen des gültigen
Arbeitsvertrages vom 5. September 1928 ließen die
Unternehmer dann zunächst diejenigen Leger, die
immer für die Durchführung des Tarifs eingetreten
waren, wochenlang feiern, mit der Begründung, es
sei keine Arbeit da.
Darin tat sich besondere die Firma OsterratherPlattenlager,
Inhaber Gustav Compes und Josef
Peck (damals Harkortstraße, jetzt Höherweg) hervor.
Im Jahre 1931 gingen die Unternehmer mehr und
mehr dazu über, die ihnen verhaßten, tariftreuen
Leger hinauszudrücken zum Stempelamt.
Rücksichtsloser Lohnabbau
Die bei den einzelnen Firmen verbliebenen Leger
wurden dann von den Unternehmern dahin
beeinflußt, doch billiger zu arbeiten, da man sonst
keine Aufträge hereinholen könne. Bald hier, bald
dort gaben charakterschwache Leger den zwar moralisch
verwerflichen, aber vielfach diktatorischen
Einflüsterungen der Unternehmer nach, trotzdem
der Tarif noch bis zum 1. September 1932 zu Recht
bestand.
Ein zügelloser, wilder Konkurrenzkampf wurde
von den Unternehmern inszeniert, mit dem Erfolg,
daß die Preise für fertige Arbeiten per Quadratmeter
zunnächst um 20 bis 30 Prozent, und dann, als
der Tarif nicht mehr bestand, um 50 bis 60 Prozent
herabgedrückt wurden.
In diesem Jahre ging dieser, jeder Vernunft hohnsprechende
idiotische Konkurrenzkampf lustig
weiter.
Dieselben Unternehmer, die noch vor zwei und
drei Jahren den Quadratmeter fertige weiße Wandplatten
für 18 bis 21 RM offerierten, bieten heute
dieselben Arbeiten für 7 bis 8 RM an.
Bei Majolikaplatten, früher 30 bis 40 RM per Quadratmeter,
heute 8 bis 15 RM.
Alles dies geschieht zunächst auf Kosten der Fliesenleger,
dann aber auch auf Kosten der Unternehmergewinne
und nicht zuletzt auch auf Kosten der
Lieferanten, der Plattenfabrikanten.
Die einzelnen Fabriken klagen in ihren Berichten immer wieder über die Schleuderpreise und über
die großen Ausfälle, die alle durch die Zahlungsunfähigkeit
der Abnehmer erleiden. Nicht nur daß
die Fabriken hundert­tausende Reichsmark Einbuße
erleiden, sondern auch die Tatsache, daß alte, seit
Jahrzehnten bestehende Plattenfabriken in Konkurs
geraten sind, sollte zu denken geben.
Alles dies sind die Folgen der wahnsinnigen
Lohnabbaupolitik, die seit Jahren von den Unternehmern
verlangt und durchgeführt wurde.
Damit wurde die Kaufkraft der Masse den Volkes
und die Volkswirtschaft zerschlagen.
Die Löhne der Fliesenleger wurden durch Diktat
der Unternehmer willkürlich um 60 bis 75 Prozent
herabgesetzt. Bei einzelnen Firmen (B. Sch. und O.
Pl.) wurde die mit den Fliesenlegern vereinbarten
Akkordlöhne durch einseitiges Diktat nicht gezahlt.
Vielfach haben unsere Kollegen bei intensiver
Arbeit nur noch das Stempelgeld verdient.
Schon monatelang wußten die Unternehmer, daß
die Fliesenleger-Organisation eingreifen wollte
oder würde. Trotzdem ließen sich Unternehmer
sich auf Verhandlungen nicht ein und kehrten den
„Herrn-im-Hausstandpunkt“ hervor.
Eingreifen der Organisationen
Anfang September traten die Organisationen der
Fliesenleger wie folgt an den Arbeitgeber-Verein
heran:
An die Vereinigung der Arbeitgeber im Plattengewerbe,
z. Hdn. des Vorsitzenden Herrn Paul Dietz jr.
Düsseldorf, Düsselthaler Straße.
Höflichst bezugnehmend auf die Besprechung die unsere
Kollegen Wagner und Windhoff am 12. August mit Ihnen,
Herr Dietz, hatten fragen wir hiermit an, wann die angeregte
unverbindliche Besprechung zwischen den Arbeitgebern und
ans stattfinden kann. Angesichts der immer tiefer sinkenden
Preise für den Quadratmeter fertige Arbeit und des damit Hand
in Hand gehenden Drucks auf die Löhne liegt es doch wohl im
beiderseitigen Interesse, die diesbezüglichen Besprechungen
baldigst aufzunehmen.
gez.: C. Windhoff, P. Schneck für die
Vereinigung der Fliesenleger.
gez.: Andreas Cohnen, Albert Terhorst
für den Baugewerksbund.
gez.: Johann May für die Christl. Baugewerkschaft
Ihre gefl. Antwort bis Dienstag, den 13. d. M. an die Adresse
C. Windhoff erbeten.
Dazu lief folgende Antwort ein:
„Herrn C. Windhoff. Düsseldorf,
Grafenberger Allee 257.
Ihr Schreiben vom 6. September kam in den Besitz des Unterzeichneten
und haben wir dasselbe unserem vorgelagerten
rheinischen Verband zur Stellungnahme übergeben.
Arbeitgeberseits werden dieser Tage Besprechungen stattfinden
und kommen wir alsdann auf Ihr Schreiben, zurück.“
Aus diesem Schreiben ersehen wir, daß die
Herren gewillt waren, die Sache hinauszuschieben.
Um nun Dampf dahinter zu setzen, beschlossen
die im DBB, sowie die christlich und syndikalistisch
organisierten Fliesenleger am 13. September, daß
ab 1. Oktober 1932 zu den bisherigen Schundlöhnen
nicht mehr gearbeitet werden solle. Die in Ar-beit stehenden Leger teilten dann den einzelnen
Firmen schriftlich diesen Beschluß mit.
Alle Unternehmer verhielten sich ablehnend.
Dann endlich am 90. September, als am Ablauf des
gestellten Termins, schrieb der Arbeitgeberverband
uns, daß er eventuell bereit sei, mit uns zu verhandeln,
aber nur dann, wenn
1. die für den 1. Oktober, vormittags angesetzte
Versammlung der Fliesenleger ausfalle und
2. wenn wir als Organisation schriftlich erklären
würden, zu den bisherigen Löhnen weiter zu arbeiten.
Die Versammlung der Fliesenleger am 1. Oktober
lehnte diese Zumutungen einstimmig ab
und beauftragte die Lohnkommission, den Unternehmern
nachstehende Antwort zuzustellen:
„Die am Samstag, dem 1. Oktober 1932 stattgefundene
Fliesenleger-Versammlung der drei beteiligten Organisationen
hat zu den aufgestellten Schriften der Arbeitgeber-Vereinigung
vom 30. September und 1. Oktober Stellung genommen. Wir,
die Unterzeichnenden, wurden beauftragt, der Arbeitgeber-Vereinigung
über die Stellungnahme Fliesenleger-Organisationen
folgenden Bericht zu übersenden:
l. Der Versammlung ist nicht bekannt, wo und wann zwischen
einreißen Firmen und Legern rechtsverbindliche Arbeitsabmachungen
(Wochenarbeitszeit) abgeschlossen sind und damit
nicht in der Lage, eine diesbezügliche schriftliche Erklärung
abzugeben.
Soweit gilt 53 Abmachungen Kollegen, wird eine Verständigung
leicht zu erreichen
2. Falls in Verhandlungen über Abschlag eines Arbeits-,
Lohn- und Akkordtarifvertrages eingetreten wird, muß zunächst
die gegenseitige Tarifsicherung einwandfrei festgelegt
werden.
3. Soll die Arbeitsverteilung auf paritätischer Grundlage und
Arbeitsvertrag eingefügt und anerkannt, — und in der Praxis
streng durchgeführt werden.
4. Die Vorsammlung der drei Fliesenleger-Organisationen
hält die Durchführung dieser grundsätzlichen Forderungen (2
u. 3) für wichtiger, als die Festlegung hoher Tarifabschlüsse.
5. Die in Arbeit stehenden Fliesenleger erklären, daß sie nicht
mehr gewillt sind, zu den bisherigen von den Arbeitgebern einseitig
diktierten Schund- und Schandlöhnen die Arbeiten auszuführen.
6. Auf Antrag Windhoff beschließt die Versammlung:
Die in Arbeit stehenden Kollegen sollen allein durch Abstimmung
kundtun, ob sie Arbeit Montag, den 3. Oktober,
aufgenehmen oder so lange ruhen soll, bis die grundsätzlichen
Forderungen anerkannt sind.
Resultat ist:
„Die in Arbeit stehenden Kollegen beschließen einstimmig,
die Arbeit vorläufig ruhen zu lassen. Dann beschließen die Erwerbslosen
ebenfalls einstimmig allseitig weitgehende Solidarität
auszurufen.“
Soweit zur Information. — Von Herrn Diebs erbitten wir
nun Bescheid, ob die Herren bereit sind, sich auf Grundlage der
Punkte 2 und 3 mit uns zu verständigen.
Antwort erbitten wir nur an unsere gemeinsame Lohnkommission
z. Hd. C. Windhoff, täglich von 9 Uhr vormittags ab in
Haus Kroll, Am Wehrhahn Nr. 70, Fernruf 26966.
Für die Vereinigung der Fliesenleger gez.: Windhoff,
Schnock, G. Wagner.
Für den Baugewerksbund gez.: Terhorst, Albert, Andr. Kohnen
Für die christl. Baugewerkschaft gez.: Johann May.
Am 5. Oktober teilte der Arbeitgeberbund uns
dann schriftlich mit, daß er die von uns verlangte
Position 3 einstimmig abgelehnt habe.
Daraus ist ersichtlich, daß die Herren die
ihnen unbequemen tariftreuen Fliesenleger
auch in Zukunft von jeder Mitarbeit ausschalten
und dem Hunger ausliefern wollen.
Hinter dieser sozial rückständigen Einstellungder
Herren Unternehmer steckt als Treiber der Syndikus der Unternehmer, Dr. Frohn-Köln.
Wir kommen zum Schluß und stellen fest:
Während Regierung, Behörden und alle Gewerkschaften
kategorisch die Einstellung von Erwerbslosen
fordern, lehnen die Unternehmer im Fliesengewerbe
jede Mitbeschäftigung von Erwerbslosen
mittelst des Krümpersystems (x) radikal ab.
Die Unterzeichneten waren gewillt, sich auf gütlichem
Wege zu verständigen, die Unternehmer
aber wollten den Kampf.
Düsseldorf, den 10. Oktober 1932.
Für die gemeinsame Lohnkommission:
Vereinigung der Fliesenleger: C. Windhoff,
G. Wagner.
Deutscher Baugewerksbund: A, Terhorst,
A. Kohnen.
Christl. Baugewerkschaft: Johann May.
Streik!
Das bis hier Gesagte wurde als Flugblatt in einigen
Tausend Exemplaren im Streikgebiet verbreitet
und von den Bauarbeitern sympathisch begrüßt.
Die Unternehmen waren sich klar darüber und
haben eingestanden, daß es ihnen ohne Hilfe der
Gewerkschafts-Bürokratie unmöglich wäre, den
Streik siegreich zu bestehen.
Genau so wie bei dem Streik der Köl –
n e r F l i e s e n l e g e r i m J a h r e 1 9 2 5 wandten
sich die Herren in ihrer Not um Hilfe bittend an
die angestellten Kommandeure des Baugewerksbundes
und der christlichen Baugewerkschaft in
Köln und Düsseldorf und fanden dort bereitwilligst
Gehör und Verständnis.
Hinter dem Rücken und gegen den Willen
ihrer Mitglieder kamen diese Bonzen
und Schmarotzer mit den Unternehmern
und deren Syndikus Dr. Frohn dreimal im
Bahnhofs-Hotel und im feudalen Café Bittner
in Düsseldorf zusammen und beschlossen:
1. Die wichtigsten Forderungen der Fliesenleger
betr. Tarifsicherung und Arbeitsverteilung nach
dem Krümpersystem werden abgelohnt.
2. Der Streik wird abgewürgt.
3. Der staatliche Schlichter wird angerufen und mit
dessen Hilfe ein neuer Tarif – aber nur mit dem Baugewerksbund
und den Christen – abgeschlossen.
4. Die Syndikalisten, die den Streik inszeniert haben
und insbesondere deren Wortführer C. Windhoff,
werden von allen Verhandlungen ausgeschlossen.
5. Der Baugewerksbund und die Christen liefern
den Unternehmern die erfoderliche Anzahl Arbeitswillige.
6. Falls die Fliesenleger sich weigern sollten, die Arbeit
aufzunehmen, wird ihnen seitens der beiden
Verbände die Streikunterstützung entzogen.
7. Dem Arbeistamt wird mitgeteilt, der Streik sei
beigelegt und nunmehr sollen die nicht am Streik
beteiligten erwerbslosen Fliesenleger den bestreikten
Unternehmern vermittelt werden.
An diesem hinterlistigen verrackten Plan,
an diesem schmutzigen Arbeiterverrat
haben folgende Gewerkschaftsbürokraten mitgewirkt:
a) vom Baugewerksbund: Bezirksleiter Christian
Ahrens-Köln, Angestellter H. Jäger-Köln, Angestellter
und Vorsitzender Konrad Schergel, Düsseldorf,
Fliesenleger Albert Terhorst-Düssel-dorf;
b) von der christl. Baugewerkschaft; Bezirksleiter
Hausgen-Köln, Angestellter C. Sauer-Düsseldorf.

In treuer Waffenbrüderschaft mit dem Arbeitgeberbund
und Hand in Hand mit dessen Syndikus Dr.
Frohn haben dann die oben genannten Herren ihre
Beschlüsse durchgeführt, wohl haben sich zwölf
Arbeitswillige dank der Treiberei der beiden Verbände
gefunden, aber die Abwürgung des Streiks
ist nicht gelungen.
Am 31. Oktober und am 3. November nahmen
zwei stark besuchte Versammlungen der Fliesenleger
zu dem schmutzigen Sklavenhandel der Bü-
rokraten Stellung und beschlossen einmütig und
ohne Widerspruch:
Der Streik wird in verschärfter Form weiter
geführt gegen die Unternehmer und gegen
die als Knochen- und Sklavenhändler auftretenden
sozialdemokratischen und christlichen
Gewerkschaftshäuptlinge.
Arbeiter! Klassengenossen!
In der Presse und in ihren Verhandlungen, wo es
keine freie Diskussion gibt, da predigen die christlichen,
freigewerkschaftlichen und sozialdemokratischen
Volksbeglücker das einheitliche Vorgehen
der Arbeiterschaft und den Kampf gegen die den
Lohnabbau machenden Unternehmer, – und buhlen
um die Stimmen der Arbeiter,
aber in der täglichen Praxis zerschlagen sie
überall das einheitliche Vorgehen der verschiedenartig
organisierten Arbeiter und helfen
den Unternehmern, die Kämpfe der hungernden
Arbeiter niederzuschlagen.
Zum Schluß sei noch gesagt, daß wir bereits
am 4. November an die Schriftleitung der SPD-

“Volkszeitung“ und die KPD-“Freiheit“ in Düsseldorf
einen ähnlichen Bericht einsandten. Ich
erklärte mich bereit, für denselben die volle, auch
pressegesetzliche, Verantwortung zu übernehmen.
Die „Freiheit“ sagte die Veröffentlichung sofort zu,
hat den Berict aber noch nicht gebracht Hoffen wir
das Beste. Die SPD-Zeitung rührte sich überhaupt
nicht, das Manuskript bekamen wir erst durch Drohung
mit Zwangsmaßnahmen zurück, natürlich
ohne ein Wort der Entschuldigung. Acht Tage lang
hatten die Volks-Zeitungs-Redakteure über unseren
Streikbericht nachgegrübelt und ihre konservativen
Gehirne angestrengt, wie sie die erhaltene Prügel
wohl am besten parieren könnten.
Schließlich brachte die „Volkszeitung“ am 14.
November einen Bericht mit der Überschrift „Syndikalistische
Lügen über die Lohnbewegung der
Fliesenleger“, der zur Düpierung der Leser berechnet
war. Darin wird wiederum versucht, mit plumpem
Schwindel die Gewerkschaftsbürokratie rein
zu waschen. Wir werden schon dafür sorgen, daß
dies nicht gelingt und die Heldentaten der Gewerkschaftshäuptlinge
und deren untertäniger Diener,
der Volkszeitungsmänner, öffentlich anprangern,
mögen sie noch so sehr geifern und quietschen.
Düsseldorf, den 15. November 1932.
Die gemeinsame Lohnkommission der Fliesenleger
and deren Streikleitung, an der beteiligt sind:
Vereinigung der Fliesenleger (Syndikalisten),
Deutscher Baugewerksbund, Christl. Baugewerkschaft,

I. A.: Carl Windhoff.
• Der Syndikalist, Nr. 47 – 1932 [26. November 1932]

Henriette Wörndl (SFB Düsseldorf)

Delegierte für Düsseldorf (50 Mitglieder) auf SFB-Reichskonferenz am 15. Oktober 1921 in Düsseldorf.

Die Düsseldorfer Delegierte Henriette Wörndl berichtete auf der Reichskonferenz von großen Schwierigkeiten des örtlichen Frauenbundes und „beklagte sich besonders darüber, dass sie von der Arbeiterbörse keine genügende Unterstützung erhalten.

Quelle: digitalresist.blogspot.com (Stand20.01.2020)

Adresse: Krahestr. 20, Düsseldorf
Quellen: Der Frauenbund, I.Jg., Nr. 1, 1921, S. 2.

 

Fünf Berichte aus der Praxis und ein kleines Resümee:

Das „Tigges“ – die FAUD – die Arbeitskämpfe

 

The first Tale – oder wie wir ohne Sorgen Krank sein wollten

Zu dem zeitpunkt unserer „Geschichte“ arbeiten im „TIGGES“, außer in der Küche, ausschließlich sogenannte „Aushilfen“. 90% dieser Aushilfen waren „Hauptberuflich“ Studierende. Das „TIGGES“ selbst ist eine stadtbekannte linke studentische Szenekneipe in Düsseldorf. Che an der Wand und Friedenstaube über dem Klo. Nachdem ich die JobberInnenbroschüre (Dein Recht als JobberIn) [1] geschrieben hatte, dachte ich mir, dass mein Anarchosyndikalismus auch mal praktisch werden müsste.
Also luden eine weitere Genossin der FAUD, welche im „TIGGES“ damals auch meine Kollegin war, und ich im April 2000 unsere KollegInen zu einer „kleinen“ Betriebtsversammlung ein. Diese fand ein paar Tage vor der offiziellen Betriebsversammlung staat. Wir stellten dort die Broschüre vor und diskutierten sowohl über Lohnfortzahlung im Krankheitsfall als auch über bezahlten Urlaub und Kündigungsfristen. Natürlich diskutierten wir auch über die Methoden, die wir ggf anwenden müssen, um unser (juristisches) Recht auch durchsetzen zu können. Dabei zeichnete sich schon ab, dass ein Konflikt vermieden werden sollte. Gemeinsam beschlossen wir vorerst nur die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ein zu fordern. Der Grund dafür lag in der Tatsache, dass der Chef auf Antrag bei der Krankenkasse bis zu 80% der gezahlten Löhne „zurück“ bekommen kann, und genau damit sollte es dem Chef auch schmackhaft gemacht werden. Die Reaktion des Chefs war ein leichtes Schulterzucken und die Bemerkung „das haben wir früher nie gemacht“, „das können wir machen“ und „ich frag mal meinen Steuerberater“. In den sieben Monaten danach waren zwar einige Leute krank, eine Kollegin war sogar im Krankenhaus (wo sie der Chef auch einmal kurz besuchte), aber eine Lohnfortzahlung erhielt niemand. Das lag aber noch nicht mal am Chef selbst, sondern auch an den KollegInnen, die sich partout nicht dazu durchringen konnten, einen „Gelben“ ein zu reichen. Sieben Monate später (18.11.2000) – Wieder eine Betriebsversammlung. Dieses Mal organisierten wir vorher kein Treffen. Stattdessen wurde diesmal von der FAUD ein Info-Blatt vorbereitet, das in Kürze JobberInnenrechte wie Mutterschutz, Lohnvortzahlung im Krankheitsfall, Kündigungsfristen, Urlaubsansprüche, Aushilfdarbeitsverhältnisse etc beschrieb.
Die Betriebsversammlung fing erwartungsgemäß mit der Erstellung einer Tagesordnung an. Wir wollten die Top’s „Lohnfortzahlung im Krankheitsfall“ und „bezahlter Urlaub“ besprechen und forderten diese auf die Tagesordnung zu setzten. Dies geschah auch ohne weiteres. Aufgenommen wurden, wie üblich, auch so „interessante“ Top’s wie „die Gestaltung des Tigges-Tellers“ (ein Gericht, welches wir seit einigen Jahren auf der Karte hatten) und ähnliches.Die eingebrachten Tagesordnungspunkte wurden noch einmal kurz erläutert und das Info-Blatt der FAUD an alle (auch an den Chef) verteilt. Noch bevor der Chef auch nur ein Wort sagen konnte, war klar, dass ein Teil der Belegschaft eine Antihaltung gegenüber den genannten Forderungen hatte. Den Rücken mental gestärkt, entfachte der Chef eine nicht nur persönlich beleidigende, sondern auch eine im höchsten Maß unsachliche „Unterhaltung“ mit mir. Neben Sätzen wie „ich habe mich schon immer für Arbeiterrechte eingesetzt und werde das auch immer tun“, „das haben wir bisher nie gemacht, nicht um Leute zu benachteiligen, sondern weil das nie jemand wollte“ kamen auch Sätze wie, „wenn du hier eine Gewerkschaft grpnden willst, dann brauchst du morgen nicht zur Arbeit zu erscheinen“, „wenn du auf dein Recht bestehst, dann bist du fristlos entlassen“. Alles in allem wurde sehr schnell von ihm mit fristloser Entlassung gedroht. Immer wieder kam auch der Hinweis, dass es da erst seinen Steuerberater fragen müsste. Als er gefragt wurde, wann er sich beim Steuerberater erkundigen wolle und wann er dann schließlich uns informieren wolle, sagte er nur „Ich werde dir keinen Termin sagen. Ich möchte mich da nicht festlegen!“ Dies und die üblichen beleidigungen („du scheinst kleine Gehirnzellen zu habe“) hatte ich schon für mich eingeplant. Schlussendlich brachte ich ihn soweit (und das hat nicht lange gedauert), seine wahre Haltung preis zu geben. Die lässt sich auf folgende Punkte reduzieren:
1: alles bleibt vorerst wie es ist
2: in Zukunft wird sich daran nichts ändern
3: wenn du auf deine Rechte bestehen möchtest, bist du fristlos entlassen
4: wenn du hier eine Gewekschaft gründen willst, bist du fristlos entlassen
Damit waren die kollektiven Versuche, unsere Rechte im „TIGGES“ durch zu setzten, vorerst gescheitert. Leider muss ich festhalten, dass sie nicht nur am Chef, sondern auch an den KollegInnen gescheitert sind. Einige sagten später zwar, dass sie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sehr gut fänden, leider haben sie es aber nicht geschafft, in den sieben Monaten zwischen den beiden Betriebsversammlungen Tatsachen zu schaffen. Sie haben es auch nicht geschafft, bei der zweiten Versammlung sich dem Chef gegenüber dahingehend DEUTLICH zuäußern. Einige haben sogar ganz klar Arbeitgeberpositionen vertreten. Über die Gründe dafür kann ich nur spekulieren.

The second Tale – oder wie ich „alleine“ versuchte weiter zu machen

Knapp zehn Tage nach der letzten und so katastrophal verlaufenen Betriebsversammlung ging ich mit der Forderung nach bezahltem Urlaub (ab dem 01.12.2000) und einem FAU-Gewerkschaftsbrett ins „TIGGES“. Begleitet von ein paar GenossInnen der fAUD und weiteren FreundInnen stellte ich den Chef zur Rede. Genauer gesagt, ich versuchte es, denn der Chef ignorierte mich konsequent. Daraufhin befestigte ich das mitgebrachte FAUD-Brett und hing auch gleich ein paar Gewerkschaftsinfos daran auf (eine kurze Rechtsbelehrung zu den im Infoblatt oben genannten Themen). Auf weiter Nachfrage sagte der Chef, dass er „jetzt keine Zeit“ hätte und dass wir das „später“ besprechen würden. Natürlich habe ich weiter nachgehakt und schließlich einen Termin (30.11.2000) mit ihm ausgemacht, um die Frage mit dem bezahlten Urlaub für mich zu klären. Zu diesem termin begleiteten mich wieder GenosInnen der FAUD und der Anarchistischen Studierenden Initiative (A.St.I.). Im Vorfeld hatten wir in der FAUD viel darüber diskutiert, was wohl passieren könnte. Eine fristlose Entlassung war von uns mehr oder weniger fest „eingeplant“ worden. Stattdessen überraschte uns der Chef mit einer Hinhaltetaktik. Hatte der Chef noch auf der Betriebsversammlung gesagt, er wolle seinen Steuerberater fragen (ohne sich auf einen Termin festzulegen!), machte er mir nun weis, er müsse erst seinen Anwalt (!), seinen Steuerberater (!) und den Gaststättenverband (!) zu dem Thema befragen. Besonders „lustig“ war in diesem Zusammenhang, dass er angeblich in der nächsten Woche einen Termin bei seinem Anwalt hat. Den Aussagen seines Anwaltes will er aber nicht alleine vertrauen und bestand darauf, auch die anderen beiden Institutionen zu befragen. Daraufhin empfahlen wir ihm den Anwalt zu wechseln, da dieser sehr schlecht sein muss, wenn er meint, dass dieser sich im Arbeitsrecht schlechter auskennt als zum Beispiel sein Steuerberater. Aber zurück zur Sache. Obwohl ich ihn mehrfach aufforderte, mir einen Termin zu nennen an dem er mir mitteilt, was er mit meinem Urlaub zu tun gedenkt, konnte ich ihn nicht zu einer konkreten Aussage bewegen. Er wiederholte immer nur, dass er mir Bescheid geben würde, sobald er mit allen drei Institutionen geredet, bzw. sich dort informiert hätte. Auf meinen Hinweis, dass ich meinen Urlaub noch in diesem Jahr nehmen müsste, da er sonnst verfiele, sagte er mir, dass ich den auch noch 2001 nehmen könnte (eine Tatsache die nur sehr eingeschränkt richtig ist und die wir kannten). Zur Gewerkschaftsarbeit sagte er diesmal, das ich diese ruhig in seinem Betrieb machen könne, damit hätte er nichts zu schaffen. Wenn die Gewerkschaftsarbeit jedoch geschäftsschädigend sei, dann „könne“ es sein, dass er mich fristlos entlässt. Im Laufe der Diskussion wies er auch auf die „Betriebsinternen Absprachen“ hin. Wonach wir nicht nur unseren Lohn bekommen (welche Großzügigkeit!), sondern auch noch Trinkgeld (Wow – wer hätte das gedacht!) und Speis und Trank (DANKE!). Dem Tonfall nach war die Drohung unmissverständlich – wer seine Rechte haben will, muss auf Speis und Trank verzichten! Ohne weitere Ergebnisse zogen wir wieder ab. Nach Rücksprache mit einem Anwalt stellten wir dem Chef schließlich ein Ultimatum. Bis zum 02.01.2001 sollte er sich klar äußern und verbindlich festlegen, andernfalls würden wir weitere Maßnahmen (zum Beispiel Fleyer an die Gäste verteilen) ergreifen. Am 31.12.2000 bat mich der chef zu einem Gepräch unter vier Augen. Nachdem er eine ganze Weile über die guten alten Zeiten und was wir nicht alles gemeinsam erlebt hätten gesprochen hatte, kam er endlich doch noch zum Punkt und bot mir 400 DM an (was 230 DM weniger war als mir zustand). Ich überlegte kurz und willigte ein.

The third Tale – oder wie die ArbeiterInnen im „TIGGES“ mehr Geld verdienen wollten

Diese Geschichte ist kurz und schnell erzählt. Die Genossin der FAUD, welche noch immer im TIGGES arbeitet, traf sich mit den KolegInnen des TIGGES, um mit ihnen gemeinsam über die Möglichkeiten einer Lohnerhöhung zu diskutieren. Seit ca: 8 Jahren zahlt der Chef den KellnerInnen (abends) 12.-/pro Stunde. Die Versammlung beschloss auf der nächsten „offiziellen“ Betriebsversammlung die Forderung nach 15.-/pro Stunde zu stellen. Der Chef reagierte mit einem Schulterzucken und der Mitteilung das er das selbst auch schon vorhatte und das es o.k. sei! Doch schon am nächsten Tag sprach er alle ArbeiterInnen einzeln an und teilte ihnen mit das er sich das mit den 15.- noc überlegen müsse. Überhaupt – es wäre nie die Rede davon gewesen das „ab sofort“ mehr gezahlt würde. Es käme darauf an wie der Sommer läuft, dann gäbe es im Sommer mehr (im Winter dan wieder 12.-). Fakt ist: Niemand bekam auch nur eine Mark mehr. In persönlichen Gesprächen wurde klar das zwar einerseits die Lohnerhöung gewollt ist, das aber (um des lieben Friedens willen) keine Bereitschaft zum Arbeitskampf da ist.

The fourth Tale – oder Lohnraub im „TIGGES“

Die Einführung des Euro benutzte der Chef des „TIGGES“ zur Lohnkürzung. So rechnete er weder den Lohn (12 DM/Stunde) korrekt um, noch zahlte er, wie Ende des Jahres 2002 auf einer Betriebsversammlung offiziell angekündigt, ab dem 01.01.2003 7 €/Stunde. Stattdessen gab es plötzlich nur noch 6 €/Stunde. Die Reaktion war Wut. Die Belegschaft des „TIGGES“ traf sich mit der FAUD und besprach die Situation. Es wurde beschlossen, dem Chef eine Frist zu setzten. Wenn er bis zu dieser nicht 7 €/Stunde zahlen würde, dann würde die Belegschaft sich (unterstützt durch die FAUD) weitere Maßnahmen vorbehalten. Dies wurde dem Chef in unzweifelhaftem Ton mitgeteilt. Der Effekt war, dass er fristgerecht anfing, den versprochenen Lohn zu zahlen.

The fifth Tale – Fristlose Kündigung im „TIGGES“

Anfang 2003 feuerte der Chef zwei Koleginnen (die Sonntagabendschicht). Wie üblich gab er weder eine Begründung noch hielt er sich an irgendwelche Fristen. Ihm passten einfach die zwei Nasen nicht mehr. Glücklicherweise holten die beiden direkt Rat bei der FAU-Düsseldorf ein (eine Genossin arbeitete immer noch dort). Nach einem kurzen Gespräch über unsere Möglichkeiten und die Bereitschaft der beiden Kolleginnen, sich einer Auseinandersetzung mit dem Chef zu stellen, beschlossen wir, wenigstens je einen Monatslohn für beide zu bekommen. Beide wollten nicht mehr im „TIGGES“ arbeiten, waren aber von dem Geld abhängig und wären den Monat auch noch arbeiten gegangen (die Kündigungsfrist hätte bei beiden je einen Monat betragen). Wir beschlossen, dass beide zur nächsten Schicht gehen sollten, so als wäre nichts geschehen. Die FAUD war mit zwei GenossInnen anwesend, um die Situation wie besprochen zu beobachten. Wie erwartet forderte der Chef sie mehrfach auf zu gehen, da sie nicht mehr im „TIGGES“ arbeiten würden. Daraufhin gaben die beiden zu verstehen, dass sie zum Arbeitsgericht gehen würden und sich ggf. auch noch andere Maßnahmen vorbehalten. Nachdem die beiden gegangen waren, wurde der Chef von der FAUD noch einmal darauf hingewiesen, dass die KollegInnen Recht hätten und auch vor Gericht Recht bekämen. 24 Stunden später meldete sich der Chef bei der FAUD (!) und teilte mit, dass er die beiden gerne treffen wollte, er würde ihnen den Lohn für vier Wochen auszahlen und arbeiten sollten sie auch nicht mehr kommen. Zwei Tage später war es soweit, gegen eine Empfangsbestätigung bekamen die KollegInnen, was sie wollten.

Resümee

Anarchosyndikalismus im „eigenen“ Betrieb zu praktizieren ist durchaus eine belastende und anstrengende Sache. ABER: Angefangen beim ersten Konflikt bis hin zum letzten ist eine Entwicklung zu erkennen. Zum einen wird die FAUD im „TIGGES“ sowohl von den KollegInnen als auch vom Chef als Gewerkschaft wahrgenommen. Zum anderen wurden einige wenige Dinge auch durchgesetzt. Auch die Solidarität der („älteren“) KollegInnen untereinander ist stärker geworden. Was noch fehlt ist ein „öffentlichkeitswirksamer“ Arbeitskampf. Dieser könnte evtl. helfen, KollegInnen in anderen betrieben zu mobilisieren und zu organisieren. Ein „Höhepunkt“ in der Entwicklung könnte ein kämpferisches Gastronomie/Service-Syndikat sein.

Terz: Speerspitze der Bewegung? – Die GDL verfestigt den Trend für Berufstarifverträge

Speerspitze der Bewegung? – Die GDL verfestigt den Trend für Berufstarifverträge

Der Konflikt zwischen Deutscher Bahn und der „Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer“ (GDL) scheint mit der Einigung vom 13.01.08 beigelegt zu sein. Bis Ende Januar soll ein Tarifvertrag unterschrieben sein.

GDL

Der Vorläufer der GDL wurde 1867 gegründet. 1919 trat sie zum ersten mal unter dem Namen „Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer“ auf. Mit Berufung auf das Jahr 1867 reklamiert die GDL die älteste deutsche Gewerkschaft zu sein. Sie organisiert die überwiegende Mehrheit aller Lokomotivführer bei der Deutsche Bahn AG und den Privatbahnen. Seit 2002 können alle Berufsgruppen des Fahrpersonals Mitglied werden. Bis 2002 befand sich die GDL unter anderem mit der sozialdemokratischen Gewerkschaft Transnet in einer Tarifgemeinschaft.

Ende Mai 2007 waren von 19.611 Triebfahrzeugführern der Deutschen Bahn 15.500 (79 Prozent) in der GDL organisiert, von 11.844 Mitarbeitern im Zugbegleitdienst der DB 3900 (33 Prozent). Insgesamt 62 Prozent des Zugpersonals (19.450 von 31.455 Mitarbeitern) waren Mitte 2007 in der GDL organisiert. An der Spitze der GDL steht seit fast zwei Jahrzehnten Manfred Schell. Während andere sich mit Ende 20 noch in den Nachwehen der 68er-Bewegung austobten, trat Schell 1971 in die CDU[1] ein. Ein Jahr darauf wurde er Mitglied der CDA, der Sozialausschüsse der CDU. International ist die GDL der „Autonome Lokomotivführer-Gewerkschaften Europas“ (ALE) angeschlossen. Laut Selbstbeschreibung ist die ALE  „den europäischen Eisenbahnverkehrsunternehmen sowie den Politikern auf der EU-Ebene ein kompetenter Ansprechpartner und zuverlässiger Mitgestalter in arbeits- und sozialpolitischen Themen.“

Der Streik

Ausgelöst wurde der Streik der GDL unter anderem dadurch das das Einkommen der Lokführer 2005 um 7,22 % und 2006 um 9,77 % gefallen ist, die Wochenarbeitszeit auf 41 Stunden erhöht wurde, die Ruhezeiten unzureichend waren und die ununterbrochenen Fahrtzeiten zu lang. Dies alles waren Ergebnisse der Tarifeinheit, welche die GDL mit der Transnet und weiteren Gewerkschaften bis 2002 eingegangen war. Seit 2002 strebt die GDL nach einem eigenen Tarifabschluss. 2007 war es dann endlich soweit – die Streikkassen waren voll und der letzte Tarifabschluss der Transnet für die Fahrer nicht annehmbar. Typisch für Gewerkschaften in Deutschland, wurde der Streik nur als letztes Mittel begriffen. Der Schwerpunkt lag auf dem Wunsch nach „Verhandlungen“ und „Einigung“ mit dem Management. Die „Tarifeinheit“ ist für die sozialpartnerschaftlichen/reformistischen Gewerkschaften und die Arbeitgeber eine Art „heilige Kuh“, die nicht geschlachtet werden darf. Das zu verstehen, hilft zu verstehen warum der Vorstand der Bahn AG in Person von Hartmut Mehdorn vehement jeden Dialog zurück gewiesen hat. Nur diese permanente Zurückweisung führte dazu das die GDL bereit war sehr verhalten zum Mittel des Streiks zu greifen.

Eine weitere Deutsche Besonderheit ist das schielen auf eine „höhere Macht“. In diesem Fall waren dies die Arbeitsgerichte. Die Bahn AG bemühte sich immer wieder die angekündigten Streiks für „illegal“ erklären zu lassen. In Deutschland gibt es kein gesetzlich geregeltes Streikrecht. Vielmehr gibt es nur einen Passus in der Verfassung, welche die „Koalitionsfreiheit“[2] garantiert. Alles andere, das Recht eine Gewerkschaft zu bilden, einen Streik zu führen usw. wird von diesem Passus abgeleitet. Erstinstanzlich wurde so mancher Streik durch die Gerichte untersagt. Glücklicherweise wurden aber alle diese Urteile in der nächst höheren Instanz wieder auf gehoben. In diesem Sinne wurde das Streikrecht in Deutschland juristisch sogar etwas gestärkt.

Auswirkungen des Streiks:

Die Tatsache, das sich kleine Gewerkschaften aus den Tarifgemeinschaft mit den Einzelgewerkschaften des DGB[3] verabschieden, beunruhigt nicht nur den DGB. Dieser sieht in den ausscherenden Gewerkschaften Konkurrenten um die eigene Klientel. Außerdem verliert er so gegenüber den Bossen ein starkes Unterpfand, nämlich die Garantie in einem Betrieb für Ruhe und Ordnung sorgen zu können. Auch die Bosse beobachten diese Tendenz mit zunehmender Nervosität. Bisher gibt es nur wenige kleine Gewerkschaften wie zum Beispiel Cockpit für die Flugzeugpiloten, der Marburger Bund für die Krankenhausärzte oder Ufo für die Flugbegleiter die schon erfolgreich eigene Tarifverträge erkämpft haben. Die Bahn hat Angst davor, dass sich nach dem Muster dieser Gewerkschaften demnächst auch Fahrdienstleiter eigenständig organisieren oder die Mitarbeiter in den Ausbesserungswerken. Im Prinzip kann fast jede Beschäftigtengruppe der Bahn ihre Bedingungen diktieren, weil es ohne sie nicht ginge. Mit der GDL und ihrem eigenen Tarifvertrag droht ein Dammbruch. Und wieso sollte der auf die Bahn beschränkt bleiben?[4]

Das letzte Kapitel ist noch nicht geschrieben

Die anderen Gewerkschaften bei der Bahn hatten wohlweislich eine „Nachverhandlungsklausel“ in den Tarifvertrag aufgenommen. Sollte es einer anderen Gewerkschaft (eben der GDL) gelingen bessere Konditionen zu erlangen, so müsste der Tarifvertrag nachgebessert, sprich angepasst werden.

Keine 24 Stunden nach der verkündeten Einigung mit der GDL, droht Hartmut Mehdorn mit Fahrpreiserhöhungen und Personalabbau. Beides ist nicht neu und der GDL-Tarifvertrag ist nur der Vorwand zur Umsetzung seiner Pläne. Neben Transnet hat auch die GDBA[5] angekündigt den Stellenabbau nicht hin zu nehmen, „notfalls“ würde man auch streiken…..

Rudolf Mühland

KASTEN:

Einkommensvergleich von Lokführern

Beispiel 1
25 Jahre alt, keine Kinder, 2 Jahre Berufserfahrung

–    Deutschland: 1.438 bis 1.588 €
–    Frankreich: 2.770 €

Beispiel 2
40 Jahre alt, zwei Kinder, 17 Jahre Berufserfahrung

–    Deutschland: 1.778 bis 1.928 €
–    Frankreich: 2.770 €

jeweils Nettogehalt im Schnitt (einschl. Zulagen) 


[1] Christlich Demokratische Union Deutschlands (Konservative Partei)

[2] Artikel 9 Absatz 3

[3] Deutscher Gewerkschaftsbund (Sozialdemokratisch/Refomistisch)

[4] Und warum sollte dies auf reformistische Gewerkschaften beschränkt beleiben? Es beliebt zu hoffen das sich die Gewerkschaften radikalisieren und  langfristig den Weg in die FAU-IAA finden werden.

[5] Verkehrsgewerkschaft im Deutschen Beamtenbund

Terz: Mit dem Rad zur Revolution? – Bewegt sich der Arbeiter wieder? In Nordhausen probten FahrradwerkerInnen die Produktion ohne Chef.

Mit dem Rad zur Revolution? – Bewegt sich der Arbeiter wieder? In Nordhausen probten FahrradwerkerInnen die Produktion ohne Chef.

In dem kleinen Ort Nordhausen im Harz, kämpfen 125 ArbeiterInnen um ihren Job. Im Dezember 2005 wurde ihre Fabrik, „Bike Systems“ von dem Finanzinvestor Lone Star aufgekauft. Schon kurz darauf verkaufte Lone Star „Bike Systems“ für eine 25%ige Beteiligung an die „Mifa“1, dem größten Konkurrenten. Nachdem im Juni 2007 der Belegschaft mitgeteilt wurde, dass das Werk geschlossen werden soll, regte sich spontan Widerstand.2

Mit Hilfe einer „Dauerbetriebsversammlung“ wurde das Gelände im Dreischichtsystem besetzt. Von Anfang an bemühten sich die KollegInnen um Unterstützung aus Gewerkschaften und Parteien, jedoch ohne ihre Autonomie dabei aufzugeben. Nach über 100 Tagen „Werksbesetzung“ und Perspektivlosigkeit ließen sich die ArbeiterInnen durch KollegInnen des selbstverwalteten Betriebs „Cafe Libertad“ inspirieren. Sie erzählten den KollegInnen von vergangenen Zeiten und fernen Ländern: von der Besetzung der Uhrenfabrik LIP 1973 in Besançon (Frankreich) und von den Betriebsübernahmen in Argentinien seit 2001. Nach gründlicher Diskussion wurde beschlossen, eine Woche lang in Selbstverwaltung ein „Strike Bike“ zu produzieren3. Allerdings: Ziel dieses Plans war nicht die Übernahme des Betriebes durch die ArbeiterInnen. Vielmehr wollten sie so auf sich aufmerksam machen, um potentielle Investoren an zu locken.

Solidarität und Heuschrecken

Trotz eines extrem schmalen Zeitfensters von knapp 21 Tagen wurden mehr als die benötigten 1.500 Fahrräder bestellt und in Vorkasse bezahlt.4 Intensive Pressearbeit und das Bemühen internationaler Kontakte zu kämpferischen ArbeiterInnen auf der ganzen Welt führten dazu, dass binnen kurzem Bestellungen aus Deutschland, Europa, Nordamerika, Australien, Israel und Afrika bei der Belegschaft eintrafen. Diese direkte Hilfe imponierte nicht nur den KollegInnen in Nordhausen. Auch die NPD, die zwischenzeitlich versucht hatte, sich „des Themas anzunehmen“, entblödete sich nicht, trotzdem zu „nationaler Solidarität gegen die Heuschrecke“ aufzurufen. Ein Aufruf, der übrigens von der Belegschaft scharf zurückgewiesen wurde. Das Bild „Heuschrecke“, wurde leider nicht nur von der NPD gebraucht.
Auch die IG-Metall und so manch freier Journalist bemühte diese Metapher immer wieder. Der extra gegründete Verein „Bikes in Nordhausen e.V.“ machte in seinen Presserklärungen jedoch immer wieder deutlich, dass sie nicht zwischen „bösem ausländischen“ Kapital und „gutem“, weil „deutschem“ Kapital unterscheiden!

Die Rolle der Gewerkschaften

Zu Beginn des Konfliktes stand die IG-Metall beratend zur Seite und gab wichtige Tipps bezüglich der Legalisierung der „Werksbesetzung“. Die Gewerkschaftslinke hat ihrerseits über den Konflikt berichtet und sich bemüht, innerhalb des DGB Öffentlichkeit herzustellen. In dem Moment, als die KollegInnen etwas andere Wege einschlugen, zogen sich beide erst einmal zurück. Die IGM versuchte sogar, die ArbeiterInnen von dem Vorhaben, nur eine Woche selbstverwaltet und ohne Chef bei gleicher Bezahlung für alle zu arbeiten, abzubringen.
Erst nachdem die „Tagesthemen“ einen Bericht über die Werksbesetzung gesendet hatte, sprangen sie wieder auf den Zug auf. Allerdings bestellte die IG-Metall keine Fahrräder oder organisierte Solidarität. Vielmehr versuchte sie wieder verstärkt, Mitglieder zu werben. Unter anderem versprachen sie ein zinsloses Darlehen, „Übergangsgeld“ genannt. Anstatt dieses Darlehen möglichst schnell an die neuen Mitglieder auszuzahlen, wurden nur die Mitgliedsbeiträge abgebucht, Wimpel und IG-Metall-Girlanden und Fahnen aufgehängt.

Zukunft

Ein Investor wurde zwar gefunden, jedoch stand bei Redaktionsschluß noch nicht fest, ob und zu welchen Bedingungen er „Bike Systems“ übernehmen würde. Darum wurde zeitgleich weiter über eine „Übergangsgesellschaft“ verhandelt. Zu guter Letzt spielen auch einige KollegInnen immer noch mit der Idee, eine Produktivgenossenschaft zu gründen.

Düsseldorf

Wenn ihr die Terz in den Händen haltet, werden die Fahrräder bereits produziert und verschickt sein. Verschiedene Gruppen, Organisationen und
Initiativen aus Düsseldorf haben „Strike-Bikes“ gekauft. So werden zum Beispiel Cable Street Beat Düsseldorf und die FAUD am 1.12.2007 im Hinterhof zwei Räder verlosen. Außerdem ist wohl auch noch eine „amerikanische Versteigerung“ angedacht. Achtet also auf Ankündigungen in der Terz und auf den Hompages der „üblichen Verdächtigen“.

NIK TOPARK, FAUD

Anmerkungen & Randspalte:

http://www.strike-bike.de
Kontakt zu den BesetzerInnen: fahrradwerk [at] gmx.de

1 Mitteldeutsche Fahrradwerke AG.
2 detaillierte Hintergrundinfos demnächst in einer extra Broschüre der Freien ArbeiterInnen Union.
3 die Terz berichtete (10/2007).
4 Die Kampagne hatte nur drei Wochen Zeit und fand außerhalb der Fahrradsaison statt.